1-2-3-gelogen: PortaS Orbital-Tourbillon

Gestern im Fernsehen: Und das Geld ist weg

Die Uhren-Stunden auf 1-2-3.tv sind für hohen Unterhaltungswert bekannt. Auch gestern legten sich Moderator Steffen Wischmann und Uhrenexperte Wolfgang Danner ins Zeug, um vier Stunden Entertainment vom Feinsten zu bieten. Eine besondere Uhr war dabei das PortaS Orbital-Tourbillon mit einem Startpreis von deutlich über 1.000 Euro deutlich abweicht vom generellen Durchschnittspreis der PortaS-Uhren.

Ohne Markenname und nackt kommen die Uhren im Katalog des chinesischen Herstellers daher.

Legende Nr. 1: Hundert Jahre Tradition

Gerne und oft wird von Wolfgang Danner, der hier offiziell die Marke PortaS vertritt, die reiche Historie dargelegt. PortaS habe mehr als 100 Jahre Tradition, und durch die Kriegswirren und die Zeit der DDR habe die Marke im Dornröschenschlaf gelegen. Das ist ein Irrtum – erst seit 2011 ist die Marke unter der Registernummer 302011001520 beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen. Übrigens nicht an einem Standort in Sachsen, sondern auf die Firma Bon Mercato GmbH mit Sitz in München. Dieses Unternehmen ist im Besitz von Dr. Manfred Strohmayer und Raoul Uwe Braun, der Unternehmenszweck ist Handel sowie Im- und Export von Waren. Eine alteingesessene Uhrenmanufaktur ist hier nicht ersichtlich, und die einzige auffindbare Namensgleichheit besteht zur Uhrenmarke Porta, die allerdings 1948 in Pforzheim gegründet wurde – definitiv nicht in Sachsen.

Legende Nr. 2: „Unsere Uhrmacher“

Gerne wird bei den Bezeichnungen der Uhrwerke auf die stolzen Uhrmacher verwiesen, die in Sachsen an ihren Werktischen sitzen. Besondere Uhrwerke tragen dabei das Kürzel des heldenhaften Monteurs. Dabei sind dann Initialen wie „TY“ oder „HZ“. Leider sind diese Kalibernummern direkt vom chinesischen Hersteller der Werke übernommen – TY steht für Produkte von Tianjin-Seagull, und HZ für den Werkehersteller Hangzhou. Beide zählen zu den größten chinesischen Uhren- und Werkefabriken und stellen jedes Jahr etliche Millionen dieser Teile her – im Übrigen mit Maschinen.

Legende Nr. 3: Seltener als ein Rolls-Royce

Tatsächlich galt ein Tourbillon lange als Spezialität, und in der Tat wurden nach der Patenterteilung an Abraham Louis Breguet im Jahr 1801 nur wenige hundert Stück gebaut. Heute werden die Werke in unterschiedlichen Qualitäten aber auch in Massen gebaut – unter anderem in China.

Legende Nr. 4: Das ist ein Tourbillon

Wer sich die PortaS Orbital-Tourbillon betrachtet, sieht zunächst die offene Unruh. Die Hemmung wurde so angebracht, das sich Teile des Uhrwerks und das Zifferblatt im Gehäuse der Uhr drehen. Pro Stunde macht das Werk eine Umdrehung.

Ein klassischer und echter Tourbillon aber ist anders aufgebaut. Die Hemmung ist in einem Käfig untergebracht und rotiert pro Minute einmal. Das Ziel war der Ausgleich von Schwerpunktfehlern, um die Uhr genauer zu machen. Das würde aber bei einer so langsamen Drehgeschwindigkeit von nur einer 360 Grad-Wende pro Stunde keinen Sinn machen – die Schwerkraft könnte hier ebenso wirken wie auf eine Uhr gänzlich ohne diesen Mechanismus.

Natürlich gibt es auch echte Orbital-Tourbillons wie der von Jean Dunand. Hier ist die Unruh in einem drehbaren Käfig verbaut und vollführt eine Umdrehung pro Minute. Zusätzlich ist das komplette Uhrwerk ebenfalls drehen gelagert und rotiert einmal pro Stunde. Das komplexe Meisterwerk stammt allerdings auch nicht aus China!

Tatsächlich ist das Uhrwerk der PortaS also nur eine offene Unruh mit rotierendem Uhrwerk – definitiv an keiner Stelle ein Tourbillon. Hergestellt wird das Werk von der Shanghai Watch Factory und gilt dort als simples Open-Heart-Werk mit Drehfunktion. Mehr ist es auch nicht. Weder ein Tourbillon noch ein Meisterwerk, sondern schlicht eine massenkonfektionierte Uhr „Made in China“. Und zu einem Preis von 1.000 Euro macht sie nur einen Menschen langfristig glücklich: Den Verkäufer.

Ein echter Orbital-Tourbillon von Jean Dunand: Hierbei ist die Hemmung fliegend in einem drehbaren Käfig gelagert, und das Uhrwerk dreht sich mit dem Zifferblatt ebenso. © Jean Dunand

4 Comments

  1. DANKE, DANKE,

    für die Aufklärung bezüglich der Uhren von 1.2.3.tv. Der Verdacht lag nahe,
    jedoch finde ich Ihre, auch für den Laien gut lesbare, Analyse der Irreführung als dringend notwendig; die 1.2.3.tv-Shows sind zwar wirklich sehr unterhaltsam, aber nur, solange man da nichts bestellt… Das Vortäuschen handwerklicher Arbeit wurde mir suspekt, als ich über die Massenfertigung elektronischer Komponenten (z.B. Bestückung von SMD-Platinen) nachdachte. Wenn Roboter so etwas können, warum soll das mit Uhren nicht ebenso möglich sein. Heutzutage können durchaus ansehnliche Uhren vollautomatisch hergestellt werden. Die Täuschung liegt im Verschweigen dieser Tatsache und der Preisgestaltung. Das wird offenbar, wenn man Uhrenangebote von Aldi oder Real betrachtet; selbst aufwendigere Designs dürften schätzungsweise 20 bis max. 30 Euro Herstellungskosten nicht übersteigen. Besonders schräg übrigens die Präsentation der Temptan-Uhren
    mit der formerinnernden Titan-Büroklammer; eine Eigenschaft, welche für Zeitmesser eher weniger wichtig ist… Wenn überhaupt, würde ich vielleicht
    eine Quarzuhr von 1.2.3.tv kaufen. Vielleicht können Sie einmal die von diesem Sender angepriesenen Werke beurteilen und in Relation zum übrigen Markt darstellen. Für die Arbeit habe ich bei Karstadt eine „Rivado“ (Quarzwerk) ca. um 20 Euro erstanden, die sehr präzise läuft (Armband musste allerdings gegen Edelstahlband getauscht werden). Ja – wenn ich Ihre Website betriebe, würde ich vielleicht auch mehr über die „Niederungen“ der Uhrenwelt bringen, schließlich frequentiert die überwiegende Mehrheit des Publikums eher Kaufhäuser und Discounter als Juweliere… Trotzdemn, watchthusiast.de ist für mich eine Seite, die ich immer wieder aufsuche, denn, selbst, wenn ich mir die Mehrheit der vorgestellten Uhren nicht leisten kann, sind die hochwertigen Fotos und Texte ein Leckerbissen für Technikbegeisterte.

  2. Vielen Dank für die Aufklärung. Wo kein Kläger, da kein Richter, oder wie ist zu erklären, dass offensichtliche Lügen die den Verkauf fördern, nicht geächtet werden. Wer Ihre Seite nicht kennt, der fällt doch gnadenlos auf den Betrug herein. Viele Grüße

  3. Ich gucke als Uhrenliebhaber ab und zu die Uhrensendungen auf den Shoppingkanälen zur reinen Unterhaltung. Mit ein bisserl Fachkenntnis amüsiert man sich köstlich über das dumme Geschwätz der Moderatoren und die teils wirklich stümperhaft zusammen gebastelte Ware, die dort überwiegend angeboten wird. So wird es früher auf Jahrmärkten zugegangen sein, wo Scharlatane ihre Wundermittelchen gegen Haarausfall, Zahnschmerzen und Impotenz angepriesen haben. Ich frage mich immer, was seriöse Anbieter wie POINTtec (Markeninhaber von „Junkers“ und „Zeppelin“), Jean Marcel oder Delma dort zu finden glauben. Sie tun mir leid, dass sie in so einem Umfeld anbieten. Es zieht diese Marken runter und macht sie bei ambitionierten Sammlern zum Gespött. Mehr leid tun mir aber die vielen Senioren, die ihre Rente für die vielen Ramschprodukte von Raul Braun, PortaS, DeLorean, etc. opfern. Man erkennt schon an den Namen der eingeblendeten Käufer, wer meist zuschlägt: Hans1937… Auch wenn sie selbst vielleicht zufrieden sind mit ihrer Sammlung, zufrieden bis zum Schluss: irgendwann landen die unreparierbaren China-Uhren für ein paar Euro auf dem Flohmarkt oder werden bei Ebay für 1,03 Euro ersteigert. Häufig schmeißen sie die Erben ganz einfach in den Hausmüll. Und auch die ganzen Junkers, Zeppelins, Delmas und Jean Marcels könnte man günstigst aus Nachlässen einsamer Senioren abstauben, wenn man denn wollte. Ich weiß das, ich suche täglich nach Schnäppchen. Die genannten Namen würde ich billigst bekommen – meine Wünsche mit vergleichbaren UVP leider nicht. Die schnellste Möglichkeit, seine Rente sinnlos zu verprassen, ist der Uhren-, Münzen- und Schmuckkauf im Shopping TV. Liebe alte Leute, wenn´s irgendwie gesundheitlich noch geht: macht Reisen, Ausflüge, geht ins Museum oder Kino – erlebt etwas. Spendet, wenn es gesundheitlich nicht anders geht und ihr nicht wisst, wohin mit dem Geld! Oder kauft Euch EINE oder wenige Uhren. Am besten eine alte Uhr, die Euch in Eurer Jugend gefallen hätte. Sucht im Internet, in Kleinanzeigen in der Zeitung, am Flohmarkt. Oder lasst suchen, wenn Euch jemand hilft. Kauft eine Uhr mit Patina. Lasst sie von einem Uhrmacher überholen. Vielleicht werdet ihr über´s Ohr gehaut, vielleicht kann man eine gekaufte Uhr nicht retten. Aber wenn es gelingt, habt ihr einen bleibenden Wert geschaffen. Eine Junghans, Glashütte oder Tissot aus den 50gern oder 60gern – wie viel mehr wert ist so eine Uhr als ein seelenloses Massenprodukt von 1 2 3 TV.

  4. Billigschrott teuer Verkaufen,wie bei vielen Produkten.bei denen
    nur der Name gekauft wurde.

    Ein Fürst verkauft jetzt auch „Luxusuhren“, werden wahrscheinlich auch
    aus dem Land der Han-Dynastie kommen.

    Alte Kaufmannsformel:Billig einkaufen,teuer verkaufen.
    Im Einkauf liegt der Segen.
    MfG

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