Breitling Navitimer

Eingangs muss ich einen Mythos entkräften: Die NAVITIMER von Breitling hat nichts mit der Navy zu tun. Sicher mag der ein oder andere Pilot dort eine tragen, aber die Aussprache „Näiwitimer“ ist grundlegend falsch. Stattdessen kommt das Navi von Navigation – denn die Uhr ist ihrer Grundform ein praktisches Werkzeug, das die Instrumentierung eines Flugzeuges sinnvoll ergänzt. 2012 wurde die Uhr 60 Jahre alt und gehört damit zu den Urgesteinen der Armbanduhren, vor allem aber der Chronographen.

Breitling-Werbemotiv-der-1950er-Jahre

Breitling-Werbeanzeige für den Ur-Navitimer: In der Luft ist die Uhr gut aufgehoben, fest eingebaut und am Handgelenk! ©Breitling/Uhren-Magazin

Auch heute noch tragen Piloten weltweit diese Uhr, bei so mancher Luftwaffe ist sie Teil der regulären Ausstattung der Staffelpiloten. Auch prominente Flieger wie John Travolta, Besitzer und Pilot einer Boeing 707 sowie einer Bombardier Challenger 601 und von vier weiteren Flugzeugen, gehören zu ihren Trägern und offiziellen Markenbotschaftern.

1952: Der Breitling Navitimer erscheint

Der Navitimer ergänzt den 1942 erschienen Chronomat mit Rechenschieberlünette. Mithilfe der Rechenschieberlünette können komplexe Rechenoperationen ohne weitere Hilfsmittel durchgeführt werden. 1952 zierte daher auch das Logo der »Aircraft Owners and Pilots Association« (AOPA) in Form zweier Schwingen die ersten Navitimer-Zifferblätter. Die Kooperation geht bis 1960. Die Referenz 806 ist das erste Modell auf dem Markt, angetrieben durch das Handaufzugwerk Venus 178. Die frühen Exemplare sind begehrt und kosten heute gebraucht, je nach Zustand, zwischen 2.000 und 10.000 Euro. Am beliebtesten sind die Stahlmodelle – entsprechend selten findet man sie. Weniger begehrt sind Modelle im vergoldeten Gehäuse, die später auf den Markt kamen. Sie erzielen dennoch Preise auf dem Niveau der Stahlmodelle. Meist über 10.000 Euro liegen die massiven Goldmodelle in 18 Karat – wenn sie überhaupt erhältlich sind. Eine Besonderheit kennzeichnet Uhren von 1954: sie sind mit dem Kaliber Valjoux 72 ausgerüstet und sehr rar.

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Das Urmodell in vergoldeter Variante. Perfekte Ablesbarkeit, die drehbare Lünette mit Rechenschieberfunktion und das charakteristische Gehäuse machen die Uhr aus. ©Antiquorum

In den ausgehenden 50er-Jahren beginnt Breitling, was die Marke bis heute ausmacht: ein hervorragendes Marketing. Mit dem Genfer Werbefachmann Georges Caspari entwickelt Willy Breitling eine Kampagne, die plötzlich auch bei anderen Zielgruppen für Nachfrage nach Chronographen sorgt.

In der Zwischenzeit haben die anderen Schweizer Hersteller sich einem weiteren Kapitel zugewandt: Der Automatikuhr, zudem ist die Anzeige des Datums nun Pflicht. Das Handaufzugskaliber Valjoux 7740 – Bruder des 7730, aber mit Datum und wahlweise Zwölf-Stunden-Zähler – schließt eine Lücke. 1969 soll sich das ändern – mit einem herausragenden Werk, das auch im Breitling Navitimer zum Einsatz kommt. Verantwortlich für die Entwicklung ist Gérald Dubois, der zur damaligen Zeit bei einem Spezialatelier in Le Lieu arbeitet: Dépraz & Cie, heute als Dubois Dépraz bekannt. Das Basiskaliber kommt von Büren, neben Willy Breitling ist noch Jack Heuer von Heuer-Leonidas als Partner bei dem Projekt dabei. Weltexklusiv soll es sein für die beteiligten Marken: das neue Chrono-Matic-Kaliber 11. Die Aufzugskrone – die ab sofort nur noch zum Einstellen der Funktionen dient – sitzt auffallend links am Gehäuse, die Drücker wie gewohnt rechts. Das Werk selber ist eine Modulkonstruktion. Auf ein Basiskaliber mit integriertem Mikrorotor wird ein Chronographenmodul gesetzt und in den Kraftfluss integriert. So ist der Automatik-Mechanismus unsichtbar, aber hochwirksam. Auch die Gehäuse ändern sich – das berühmte »Spiegelei« ist eine der Bauformen, die in den 60er- und 70er-Jahren gebaut wird. Die Gestalt der Automatik-Modelle zeigt selbstbewusst ein neues Zeitalter.

Chrono-Matic-Kaliber-12

Das Modul-Kaliber macht das Unmögliche möglich: Automatik und Chronograph in einer Uhr, der Mikrorotor liegt dabei unsichtbar unter der Chronographen-Kadratur. ©Archiv

1969 macht Breitling den Navitimer „dicht“. Bisher dreht sich der gesamte obere Korpus – Lünette und Glas – wenn der Rechenschieber im Einsatz ist. Ein Umlenkungsmechanismus erhöht nun die Wasserdichte. Chrono-Matic-Modelle aus Stahl in annehmbarem Zustand beginnen preislich bei etwa 1.500 Euro – die Modelle in Gold kosten ungefähr 6.000 Euro.

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Ein späterer Navitimer Chrono-Matic mit Automatik-Kaliber und Datum. Die hier gezeigte Uhr wurde an die irakische Luftwaffe geliefert und daher mit dem Hoheitsabzeichen auf dem Bodendeckel versehen. ©Antiquorum

In den 1970er-Jahren wird die Schweizer Uhrenindustrie allgemein von der Quarzkrise gebeutelt – günstige und präzise Uhren aus Fernost überschwemmen den Markt. Die Krise schüttelt auch Breitling – Quarz-Modelle wie der Navitimer mit LED- und LCD-Ziffern können das nicht aufhalten. Auf dem Gebrauchtmarkt gelten diese Uhren heute eher als Kuriosität und kosten wenige hundert bis zu mehr als 2.000 Euro. Vorsicht: Bei Werkproblemen kann weder Breitling noch der deutsche Importeur Uhren Trautmann helfen. Ersatzteile sind nicht mehr erhältlich.

Ende der 70er kommt das geschäftliche Aus für Willy Breitling. Die Firma schließt und steht zum Verkauf. Ernest Schneider, Inhaber von Sicura, ergreift die Chance. Er kauft Breitling und transferiert den Sitz 1982 nach Grenchen. Sicura selbst stellt günstige Uhren im unteren Preissegment her, Ernest Schneider allerdings ist nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Sportpilot.

Der Breitling Navitimer beginnt ein neues Leben

Kurios: In der Zwischenzeit konnte man vereinzelt nagelneue Navitimer ohne Breitling-Logo kaufen. So erwirbt unter anderem Helmut Sinn in Frankfurt Restbestände. Diese Uhren sind begehrt und nur schwer zu finden. Ihre sämtlichen Werk- und Gehäuseteile sind mit „Breitling“ signiert – nur das Zifferblatt trägt den Aufdruck “Sinn”.

Bis in die 90er hat Breitling weiter zu kämpfen – doch der Plan von Schneider geht auf: Die Mechanik erlebt eine  Renaissance. Nun wird der Navitimer jedoch vom Kaliber Valjoux 7750 angetrieben, das für Breitling in vielen Bestandteilen überarbeitet wurde und wird. Das nötige Know-how kauft Breitling mit dem Spezialisten Kelek ein – heute Breitling Chronométrie. Mit Besonderheiten tritt der Navitimer in die Neuzeit ein: So ist der Airborne mit Zeigerdatum auf der Zwölf und daher vier Totalisatoren in Edelstahl, Stahl und Gold oder in Gold von 1995 bis 1997 erhältlich. In diesen Materialien erscheint auch der Old Navitimer, der dem Original nahe kommt – fast zehn Jahre lang wird er ab 1993 gebaut. Viele Heritage-Editionen nehmen historische Themen auf – 2003 wird der Breitling Navitimer Chrono-Matic SE aufgelegt. Gemäß dem Vorbild von 1969 trägt er die Krone links – doch schlägt innen kein Kaliber 12, sondern ein Kaliber auf Basis des Eta 2892.

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Navitimer aus den 90ern: Valjoux 7750, und die charakteristische Optik verleihen der Uhr den gewohnten Reiz der Luftfahrt. ©Antiquorum

Mit eigenem Werk: Breitling Navitimer 01

2009 präsentiert Breitling mit dem Kaliber B01 ein eigenes Uhrwerk und wird damit zur Manufaktur. Das Werk erfüllt höchste Anspruche und wird – wie seit 1999 allerdings alle Uhren von Breitling – als Chronometer zertifiziert. Der neue Breitling Navitimer 01 ist in seiner äußeren Gestaltung wieder nahe am Original – und begeistert damit weiter Piloten und Uhrenträger. Zum 60. Geburtstag des Navitimer legt Breitling die auf 500 Exemplare limitierte 01 Blue Sky Limited Edition mit blauem Zifferblatt auf. Eine Besonderheit stellt der Glasboden dar, der bei der Navitimer nur in limitierten Serien verwendet wird. Darunter ist das automatische Manufakturkaliber 01 mit Schaltrad zu sehen. Das Jubiläumsmodell in Stahl kostet 7.270 Euro am Krokoband und 8.080 Euro am Stahlband.

Im Jahr 2014 erscheint der Breitling Navitimer 01 zur Baselworld mit einem vergrößerten Gehäuse; sein Durchmesser wächst von 42 auf 46 Millimeter. Kostenpunkt: 6.870 Euro. 2015 stellt Breitling ein auf 500 Stück limitiertes Sondermodell vor, die Navitimer AOPA. Back to the roots, Navitimer.

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Die Anordnung der Hilfszifferblätter geht zurück zu den Wurzeln: Tricompax (auf drei, sechs und neun Uhr). Innen arbeitet das Breitling B01, das erste Manufakturwerk aus dem Hause Breitling. ©Antiquorum

4 Comments

  1. Einfach eine unglaublich schöne Uhr. Leider noch nicht ganz meine Preisklasse. Aber für die jenigen die das nötige Kleingeld haben und wahre Erfüllung.

  2. Ein toller Bericht mit viel Fachwissen. Danke dafür! Die Navitimer würde ich mittlerweile zu den richtigen Klassikern zählen unter den Breitlingen. Wobei ich sagen muss, dass sie optisch nicht ganz mein Fall sind! Außerdem leider noch etwas zu teuer 🙂

    • Danke für das Lob. Der Navitimer ist tatsächlich ein Klassiker, und zudem auch praktisch für Piloten. Aber nur, wenn die Piloten auch die Funktion verstehen! 😉

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