Die Auto-Uhr von John-Mikaël Flaux

Wenn die Zeit fahren lernt

Stellen Sie sich vor, Sie können der Zeit beim Verrinnen zusehen. Und zwar in Form eines knallroten Rennwagens, der mit 13,2 Millimetern in der Stunde Richtung Ziellinie unterwegs ist. Ein junger und ungewöhnlich talentierter Uhrmacher hat genau diese Vision umgesetzt: Die Car Clock von John-Mikaël Flaux zitiert die großen Rennwagen der 30er Jahre – von den schnellen Alfa-Romeo bis zum berühmten Bugatti Typ 35. Viele Mythen ranken sich um diese Fahrzeuge, die heute allesamt Millionenbeträge im Rahmen von Auktionen erzielen.

Liebe zu jedem Detail – die Hinterräder zeigen die Stunden an. © John-Mikaël Flaux

Die Car Clock kombiniert das Design der klassischen Rennfahrzeuge mit einer Schweizer Ankerhemmung. Und ganz wie der Motor im Rennwagen sorgt bei dieser Uhr die Zugfeder für Kraftübertragung an die Hinterachse, deren Räder gleichzeitig als Stundenindikator dient. Dabei fällt eine enorme Liebe zum Detail auf: Die Felgen sind im historischen Bugatti-Stil aus Aluminium gedreht und gefräst, die Reifen aus echtem Gummi. Zentralverschlüsse befestigen die Felgen auf der Achse, die mit einem Differential direkt mit dem Federhaus verbunden ist. Zum Aufziehen dient eine Kurbel an der Front mit dem Kühler – ganz so, wie in den 1930er Jahren ein Auto gestartet wurde. Es ist fast schade, das John-Mikaël Flaux der Car Clock eine Gangreserve von acht Tagen mitgegeben hat!

Unruh im Kühler, das Uhrwerk im Motorraum. © John-Mikaël Flaux

Neben den Stunden per Hinterachse zeigt das Lenkrad die verstrichenen Minuten an, gleichzeitig kann mit dem Steuerrad auch die Zeit eingestellt werden. Selbst die Speichen des Lenkrades sind perliert – wie auch der gesamte Motorraum, in dem das Uhrwerk Platz hat. Auch dort sind im besten Stil von Ettore Bugatti die Stirnwand zum Passagierraum perliert. Die Liebe zum Detail ist immens bei der komplett per Hand gefertigten Uhr – bis hin zum Sitz aus echtem Leder. Die Hemmung findet sich übrigens im Kühler, hinter Glas sicht- und erlebbar. Die Unruh oszilliert mit 18.000 A/h, 11 Lagersteine aus Rubin sorgen für wenig Reibung im Werk.

Mit knapp über 30 Zentimetern am Tag legt die Hinterachse exakt zwei volle Umdrehungen zurück. © John-Mikaël Flaux

Wem übrigens das Risiko eines Sprungs von der Tischkante zu groß ist: Mit einem kleinen Halter kann die Hinterachse vom Boden entkoppelt werden und die Uhr steht auf der Stelle. Es dauert einen Monat, ehe die 270 Einzelteile zu einer Car Clock zusammengefügt sind. Die Karosserie aus Aluminium wird aufwendig lackiert und poliert. Naturgemäß ist die Stückzahl sehr klein, nur wenige Schreibtische der Welt werden sich mit diesem besonderen Stück schmücken können.

Perlierungen, wohin das Auge schaut. © John-Mikaël Flaux

Der junge Uhrmacher sitzt heute mit seiner Werkstatt im französischen Morteau – in einem Gebäude, das auch von dem Hersteller Péquignet genutzt wird. Seine Spezialität ist die figürliche Umsetzung von Zeit in Form von Skulpturen mit Zeitanzeige. Dazu studierte er sechs Jahre die Kunst des Uhrenbaus, und gewann die Goldmedaille für die talentiertesten Lehrlinge Frankreichs. 2012 begann er für Ulysse-Nardin in der Schweiz zu arbeiten, zunächst als Uhrmacher für große Komplikationen. Nach dem Bau einer Uhr in Form einer Wespe wurde er Createur und baute im Jahr 2015 die von Rennbooten inspirierte Tischuhr „Super-Catamaran“. Auf der Baselworld 2016 wurde die Uhr vorgestellt. 2017 verließ John-Mikaël Flaux sowohl die Schweiz wie auch Ulysse-Nardin und eröffnete sein eigenes Uhrmacheratelier in Morteau.

Der Meister und sein Werk. © John-Mikaël Flaux

Die Car Clock schlägt übrigens mit 9.900 Euro zu Buche, eine Individualisierung ist möglich. Auf den ersten Blick eine stolze Summe – auf den zweiten Blick eigentlich viel zu wenig Kaufpreis für die kreative und handwerklich Leistung, die hinter der Car Clock steht. Kein Teil der Uhr kommt aus einer Fabrik, und in Anbetracht der immensen Handarbeit in verschiedenen Disziplinen – Karosseriebau, Lederverarbeitung, Uhrmacherei – sind die knapp 10.000 Euro ein Schnäppchen für eine extrem exklusive Uhr.

© John-Mikaël Flaux

© John-Mikaël Flaux

© John-Mikaël Flaux

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*