Eine Seamaster-Kopie: 348 US-Dollar

Illegal und schwer zu erkennen: Moderne Plagiate

Im Copyshop kostet eine Kopie nur wenige Cent. Diese kopierte Omega Seamaster kostet 348 US-Dollar, und der Markt mit gefälschten Markenuhren blüht wie selten zuvor. Ein zuverlässiges Erkennen der Plagiate wird schwerer und schwerer. Der Vergleich zeigt, wie ähnlich sich eigentlich Original und Fälschung sind. Als Beispiel dient die aktuelle Omega Seamaster Professional 300M.

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Wer ist denn hier wer? Rechts ist die gefälschte Seamaster, links die Originale. Gut zu erkennen ist die unterschiedliche Entspiegelung der Gläser als erster Hinweis. ©Thomas Gronenthal

Selbst Juweliere und Uhrmacher kapitulieren mittlerweile vor der enormen Marken- und Modellflut. Das nötige Fachwissen, um zwischen einer echten und einer gefälschten Markenuhr zu unterscheiden, ist nur schwer regelmäßig zu aktualisieren. Das betrifft weniger die Ware, die am Strand von Mallorca gehandelt wird. Doch vor allem das Internet hat sich zum veritablen Marktplatz für hochwertige Plagiate entwickelt, die nicht selten auch im Grau- und Zweitmarkt gehandelt werden und von Jahr zu Jahr besser werden. Der Vergleich zeigt auf, wie gefärlich nah sich Original und Fälschung aus jüngster Fertigung sind. Das Testobjekt ist eine der beliebtesten Taucheruhren, die Omega Seamaster Professional 300M in der aktuellen Version mit Keramiklünette und Co-Axial-Werk: Einmal Swiss Made, und einmal China Made.

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Schließe, Band und Boden sind sich auf den ersten Blick extrem ähnlich. ©Thomas Gronenthal

Von China nach Großbritannien

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Oben echt, unten falsch. Selbst das Heliumventil sitzt an der richtigen Stelle – bei der Fälschung ist es allerdings nicht funktionell. ©Thomas Gronenthal

Der Händler mit Sitz in Hongkong verkauft sie als sogenannte 1:1-Edition. Damit werden Uhren bezeichnet, zu deren Bau und Konstruktion eine originale Uhr zerlegt und vermessen wird. Das Gehäuse sei aus massivem Edelstahl 316L, ebenso das Band, die Uhr habe ein Saphirglas mit Entspiegelung. Die Lünette sei aus Keramik, und selbstverständlich könne die Uhr auch Wasser ab. Über Großbritannien, wo der Zoll weit weniger scharf kontrolliert, erreicht die Uhr Deutschland. Der erste Eindruck: Die Haptik und Optik entsprechen einer durchaus hochwertigen Uhr. Sämtliche Abmessungen sind identisch, auch das Gewicht liegt mit geringer Abweichung gleichauf. Kein Teil ist lose, die Lünette sauber ausgerichtet, Band und Schließe lassen sich leicht bewegen, öffnen und schließen. Auch das Oberflächenfinish zeigt, wie schwer eigentlich die Unterscheidung zwischen einer Fälschung und einer Schweizer Markenuhr ist. Auf den ersten Blick mag kaum ein Unterschied auffallen. Das bestätigen auch Berichte aus Pfand- und Leihhäusern, die immer häufiger solche Uhren angeboten bekommen. „Wir nehmen fast keine Uhren von bestimmten Marken mehr an, weil wir ohne Öffnung der Uhr nicht sicher sagen können, dass es sich um eine originale Ware handelt“, so ein Insider, der für eine große Kette von Pfandhäusern in Nordrhein-Westfalen arbeitet.

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Links die echte Omega, rechts die Gefälschte. ©Thomas Gronenthal

Die Unterschiede werden klarer beim Blick unter den massiven Stahlboden mit der typischen Relief-Struktur der Seamaster-Uhren. Zunächst unterscheiden sich die Böden in Details, was das Seepferdchen-Logo sowie den Schriftzug angeht. Beides ist im Original  massiver und tiefer ausgeführt. Beim Uhrwerk werden die Unterschiede sehr deutlich: Während in der originalen Uhr ein Omega-eigenes Kaliber 2500 mit einer Co-Axial-Hemmung und extrem hochwertigem Oberflächenfinish tickt, nutzt die Fälschung einen Nachbau des ETA 2824-2. Bei der Verarbeitung im Inneren lassen sich ebenso Unterschiede entdecken. Ein eher grober Werkhaltering mit zwei montierten von drei vorgesehen Bridenschrauben befestigt den ETA-Nachbau, es sind weder Verzierungen zu finden noch entspricht die technische Ausstattung einem hohen Standard. In der originalen Omega wird klar, was Swiss Made bedeutet: Perfektion auch in kleinsten Details – das Co-Axial-Uhrwerk hat einen hohen Standard erreicht, die Gangwerte und die Verarbeitung genügen den höchsten Ansprüchen.

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Im Dunkeln zeigt das Plagiat ebenso wie das Original Leuchtmasse in zwei Farben. Die Nachleuchtzeit ist allerdings wesentlich kürzer. ©Thomas Gronenthal

Unterschiede in Details

Wesentlich schwerer hingegen ist der Unterschied zwischen den Zifferblättern auszumachen: Beide sind hochglänzend lackiert, mit Leuchtmasse versehen und sauber verarbeitet. Selbst im direkten Vergleich fallen die Unterschiede nur mühsam auf. So unterscheidet sich das Omega-Symbol leicht, auch der rote Farbton des Seamaster-Schriftzuges ist nicht zu 100 Prozent deckungsgleich. Ein kleiner Fleck kurz vor dem 4-Uhr-Index zeigt, dass es bei der Fertigung in Asien nicht ganz so sauber zugeht wie bei den Eidgenossen. Der gefälschte Zeigersatz entspricht in den Proportionen dem Original, die Verarbeitung an den Kanten ist jedoch weniger hochwertig. Auch bei der Vernietung von Sekundenzeiger und –rohr fällt auf, dass in China bei solchen Komponenten keine wesentliche Qualitätskontrolle stattfindet. Details wie das Datumsfenster und die schwarze Datumsscheibe mit silberner Bedruckung hingegen sind auch bei dem Plagiat so ausgeführt, das kaum ein Unterschied auszumachen ist.

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Fälschung. ©Thomas Gronenthal

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Original. ©Thomas Gronenthal

Unter Kunstlicht fällt auf, dass die Fälschung einen deutlichen Blaustich in der Entspiegelung des Uhrglases vorweist. Die originale Omega wirkt hier deutlich transparenter – fast, als wäre kein Glas verbaut. Doch tatsächlich verfügt der Nachbau über ein Saphirglas. Das belegt der Versuch mit dem Diamanttester. Es ist ebenso doppelt entspiegelt. Die Leuchtmasse der Zeiger und des Zifferblattes ist bei dem Plagiat ebenso in zwei Farben – blau und grün – die Nachleucht-Zeit ist jedoch wesentlich kürzer und weit weniger intensiv. Unterschiede bestehen auch zwischen den Inlays der Lünetten aus Keramik. Zunächst: der eingelegte Ring besteht bei dem Modell „Made in China“ aus harter Keramik. Die Oberfläche ist glatt, die Färbung sehr nahe an dem Schweizer Original. Doch die Gravuren sind viel gröber ausgeführt, unter der Lupe fallen die rauen Kanten der Zahlen auf. Auch die Füllung mit Farbe entspricht nicht dem Original, bei dem die Lünetten-Gravur wesentlich weniger tief und zudem hochwertiger gefärbt ist.

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Die originale Uhr liegt vorne, das Plagiat hinten. ©Thomas Gronenthal

Einzige Chance: Direkter Vergleich

Das Armband der Uhr aus Asien ist ebenso wie das Original aus verstifteten Stahlgliedern. Die Verlängerungsglieder sind verschraubt, beim Abnehmen des Bandes vom Gehäuse fällt die fehlende Bearbeitung der nicht sichtbaren Teile auf. Während die originale Seamaster ein ausklappbares Verlängerungsglied verwendet, besitzt die Kopie bereits die neuartige Schließe mit integriertem Verlängerungsmechanismus. Mit der Lupe betrachtet fällt deutlich auf, das die einzelnen Bestandteile der Glieder nicht regelmäßig angeordnet sind. Die Toleranzen in der Fertigung sind augenscheinlich deutlich grösser als in der Schweiz. Abschließend kann festgestellt werden, dass die Unterschiede ausschließlich im direkten Vergleich von einer gefälschten mit einer originalen Uhr auffallen – oder, wenn der Boden geöffnet wird. Doch vor allem bei Taucheruhren sind hier Käufer und Händler oft aufgrund der hohen Wasserdichte zurückhaltend.

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Das Uhrwerk: Ein Nachbau des ETA 2824-2. ©Thomas Gronenthal

Für einen Laien ist es hingegen unmöglich, das Plagiat zu erkennen – und selbst professionelle Händler stehen vor einer wachsenden Herausforderung. Auch Box und Papiere sind kaum noch eine Garantie. Sämtliche Plagiate aus dem Internet können gegen Aufpreis mit Verpackung und Papieren erworben werden. Denn merke: Wer eine ganze Uhr fälschen kann, wird an bedrucktem Papier und einem Karton nicht scheitern. Wer also beim Kauf aus unbekannter Hand nicht ganz genau hinschaut, geht ein hohes Risiko ein. Tabelle

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