ETA 2892-A2: Der chinesische Klon

Das ETA 2892 zählt zu den flachsten automatischen Uhrwerken für Armbanduhren. 3,6 Millimeter misst das Kaliber mit Datumsanzeige und Zentralsekunde. Ebenso flach ist der Zwilling, das Sea-Gull ST 18. Es zählt zu den Premium-Uhrwerken aus China.

Original (rechts) und Nachbau (links). © Zuckerfabrik Fotodesign

Wie nahezu alle Kaliber aus dem Angebot der ETA finden sich auch die Wurzeln des 2892 außerhalb der heutigen Swatchgroup. 1961 erfolgt der Auftrag für die Entwicklung durch den Uhrenhersteller Eterna an das eigene Tochterunternehmen, den Rohwerkehersteller ETA. Im Jahr 1963 werden die ersten Uhren mit dem flachen Kaliber unter dem Namen Eterna-Matic 3000 vorgestellt. Das Presseecho ist enorm – von einem Meilenstein ist die Rede, die kostengünstige Großserienproduktion findet besondere Hervorhebung. Die konstruktiven Besonderheiten liegen auf der Hand – vor allem im Vergleich zur zeitgenössischen Konkurrenz. Die enorme Einsparung an Bauhöhe ist einigen konstruktiven Kniffen zu verdanken, die deutlich von bisherigen Konstruktionen abweichen.

Das Räderwerk des neuen Werkes wird so angeordnet, dass eine Mulde für den automatischen Aufzug entsteht. Die Dimensionen der Räder wurden ebenfalls entsprechend verändert, flach und eng sind diese unter den Brücken angeordnet. Die zentrale Sekunde wird direkt angetrieben. Der Rotor wird von hinten mit drei winzigen Schrauben befestigt, die Schwungmasse ist flacher und bietet mit dem großen Kugellager ein eindeutiges Erkennungszeichen. In der aktuellen Ausbaustufe ETA 2892-A2 genannt, verfügt das Kaliber über sieben Kugeln, jede mit einem Durchmesser von 60 Hundertsteln eines Millimeters. Der automatische Aufzug des 2892 ist weniger effizient als der beispielsweise des ETA 2824. Unternehmen wie IWC, die in zahlreichen Modellen das ETA-Werk eingesetzt haben, behalfen sich mit eigens gefertigten und sehr viel schwereren Schwungmassen.

Der China-Klon Seagull ST18 ohne Automatikbaugruppe. © Zuckerfabrik Fotodesign

Als Premium gilt auch der chinesische Zwilling des 2892 aus der Fertigung von Sea-Gull, einer der größten Werkefabriken in Asien. Neben den traditionellen Kalibern wie dem ST 6 oder dem ST 16 erweitern Nachbauten der patentfreien Schweizer Werke seit einigen Jahren die Modellpalette. ST 18 heißt der Nachbau des ETA 2892-A2, das auf den ersten Blick neben dem von Nivrel zur Verfügung gestellten Originalwerk eine gute Figur gibt. Zierschliffe schmücken die Brücken und den Unruhkloben, sogar die Werkoberseite unter dem Zifferblatt ist mit schönem Perlschliff versehen. Im Unterschied zu den Schliffen des eidgenössischen Originals fällt die geringe Schlifftiefe der Muster auf. Offensichtlich zählt vor allem Geschwindigkeit in der Fertigung. Der Blick durch die Lupe offenbart raue Kanten, teils verletzte Schlitze der recht weichen Werksschrauben, und manchen Kratzer. Das chinesische Kaliber ist mit keiner Herstellerpunze versehen. Eine Seriennummer auf der Platine suggeriert einen besonderen Status der Uhrwerke – in Anlehnung an die Schweizer Chronometernorm, die eine Seriennummer auf dem Werk vorschreibt.

Ein Original: Das ETA 2892-A2 mit abgenommer Automatikgruppe. © Zuckerfabrik Fotodesign

Einen technischen Unterschied offenbart das Sea-Gull ST 18 auf den ersten Blick bei der Anzahl der Rubine. 21 Lagersteine sorgen in der Schweiz für reibungslosen Ablauf im ETA 2892-A2, 23 der künstlichen Rubine werden in China verarbeitet. Wie auch bei den Nachbauten des ETA 2824-2 wird das Federhaus platinen- und brückenseitig in einem Rubin gelagert. Ob dies ein Vor- oder Nachteil ist, kann diskutiert werden. Zunächst wirkt es wertiger als die Hartmetalllagerung des ETA-Werkes, jedoch sind Schäden an der Federhauslagerung oder den Zapfen des Federkerns höchst selten.

Bei einem ersten Test auf der Zeitwaage erstaunt das chinesische Werk. Die Amplitude ist geringer als bei dem originalen ETA, kaum mehr als 260 Grad erreicht das Werk bei Vollaufzug. Die Erfahrungswerte des Schweizer Originals liegen bei deutlich höheren Werten, leicht kann die Amplitude eines frischen ETA 2892-A2 bis zu 300 Grad betragen. Nach einigen Stunden Laufdauer sinkt die Schwingungsweite des Schweizer Originals auf Werte um die 250 Grad. Da der Abfallfehler des ST 18 niedrig ist – mehr als 0,4 Millisekunden werden durch die Zeitwaage nicht gemessen – und die Abweichung in Sekunden auf 24 Stunden ebenfalls deutlich unter 10 Sekunden liegt, wirken die Werte stimmig. Zum Vergleich messen wir zwei weitere Sea-Gull ST 18, die mit sehr ähnlichen Amplitudenwerten an den Start gehen. Im Unterschied zum ETA bricht die Schwingunsgweite jedoch mit nachlassender Spannung der Zugfeder nicht so stark ein. Da die verwendeten Radsätze baugleich sind und auch austauschbar, scheint vor allem die Zugfeder verantwortlich für den zunächst schwächeren Start des Sea-Gull ST 18 zu sein. Aufgrund des stabilen Verlaufs der Amplitude bei ablaufender Zugfeder entstehen jedoch keine Nachteile für die Genauigkeit, auch nach etlichen Stunden Laufdauer ist das Uhrwerk aus China noch recht genau.

Ohne Unruhe: das Seagull ST 18. © Zuckerfabrik Fotodesign

Mit Ausnahme der geringfügig schwächeren Aufzugsleistung der Automatik zählt ETA 2892-A2 zu den besten Werken der Schweiz. Das ist auch der Verarbeitung anzusehen – einwandfreie Schliffe, saubere Kanten und präzise gefertigte Räder und Triebe. Hohe Amplituden, sehr gute Gangwerte und ein geringer Abfallfehler sprechen für die langjährige Erfahrung, die ETA beim Bau von Uhrwerken an den Tag legt. Über die Jahre wurden Details zudem überarbeitet, vor allem der automatische Aufzug wurde durch unterschiedlich gelagerte Räder über die Jahrzehnte deutlich verbessert und langzeitstabiler gemacht. Nahezu alle Schweizer Uhrmarken verwenden das Werk ausschließlich im Premium-Bereich, als ETA 2893 ist das Uhrwerk zudem mit einer zweiten Zeitzone versehen.

Das ETA 2892-A2 ohne Unruh (Chronometerversion). © Zuckerfabrik Fotodesign

Im direkten Vergleich zwischen China und Schweiz – Sea-Gull und ETA – fallen deutliche Unterschiede auf. Brücken und Kloben des ST 18 sehen vor allem von der Unterseite grob bearbeitet aus. Deutliche Kratzspuren sind die Folge eines automatisierten und offenbar schmerzhaften Fertigungsprozesses der einzelnen Teile. Erst in der Assemblierung kommt die Handarbeit zum Einsatz, die auch bei diesem Uhrwerk vor allem an der Ölverteilung sichtbar ist. Manche Lager haben kaum Öl erhalten, andere hingegen – wie im Automatik-Modul – schwimmen in einem sichtbaren Öltropfen. Beim zerlegen für die Fotoarbeiten fällt die mangelnde Passgenauigkeit der einzelnen Baugruppen auf.

Eine wirkliche Kluft ergibt sich in den Preisen, die für beide Uhrwerke gezahlt werden müssen. Zum einen ist für das ST 18 eine gute Verfügbarkeit gegeben, während ETA eher die Abgabe der Uhrwerke einschränkt und nur in gewissen Stückzahlen und an bestimmte Abnehmer liefert. Ein Einzelpreis von ca. 60 Dollar liegt bei weniger als der Hälfte für ein ähnlich verziertes ETA-Kaliber, zudem die Kaliber auch in geringen Stückzahlen zu diesen Konditionen bei bekannten europäischen Händlern zu bekommen sind. Je nach Version beginnt das ETA 2892-A2 bei einem Betrag um 150 Euro, je nach Verzierung und weiterem Aufwand sind nach oben kaum Grenzen gesetzt.

2 Comments

  1. Vor Kurzem bot 123tv wieder mit Schradin als Moderator eine Burgmeister Automatik mit Sea-gull
    St 2503 werk an.
    Der Moderator betonte, dieses Uhrwerk , wo die Unruh in einer schmalen Brücke, nicht an einem Kloben angebracht ist,verfüge über eine Unruh aus Glucydur Material
    Also einer Kupfer Beryllium Legierung wie etwa auch in den Top versionen der ETA Automatikwerke ..

    Als Beweis nannte er die in Sanduhrform gestalteten“ Speichen“
    Der Unruh des China Werkes,das auch als TY.. Firmiert, was seltsam ist…Nun ist ja von den ETA bekannt, dass nur die Glucydur Unruhen diese besonders geformten Speichen des Reifes als Merkmal haben…jedoch kann doch jeder Hersteller Unruhen mit Speichen Form und – anordnung bauen wie es beliebt und dies aus diversen Materialien wie Nickel, Messing..vergoldet oder nicht.
    Also , ich glaube nicht, dass das ST 2503 China werk eine Unruh aus Glucydur verbaut hat..auch nicht nachtraeglich durch Burgmeister mit einer solchen versehen..
    Uhren wiki weiss auch nicht Bescheid, stellt hinter Glucydur in diesem Werk jedoch ein Fragezeichen? Wer weiss Genaueres?
    Danke im voraus! Sehe ich es richtig , dass ausserdem das hochwertige Material der Spiralfedern die der Unruh drive geben genauso entscheidend ist für genauen Gang der Uhr.Also Glucydur Unruh mit schrott Spiralfeder verbunden bringt nix??

  2. Fachlich wird von den Schenkeln-
    Nicht von den Speichen die die Nabe mit dem Reif verbinden..gesprochen..die Unruh der Uhr betreffend- möchte ich berichtigt sehen.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*