ETA geklont: Seagull und Hangzhou

Seit Jahrzehnten gilt es als Traktor der Schweizer Uhrenindustrie – das ETA 2824-2. Auf die Welt kam es 1973 als ETA 2824, die Gene gehen zurück bis in die Manufaktur Eterna, auf deren Patenten und Baumuster das 2824 beruht. Die Ähnlichkeit zu vorigen Generationen wie dem 2783 und vielen weiteren ist nicht zu verhehlen, doch das Werk erfüllt alle Ansprüche an ein robustes Arbeitspferd. Die Frequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde macht das Uhrwerk präzise und unempfindlich, anfangs 17 und später 25 Lagersteine sorgen für geringen Verschleiß. Der effektive Aufzug über zwei Klinkenräder stellt heute noch Konzernkollegen wie das ETA 2892-A2 in den Schatten. Zu den Schattenseiten zählt die weniger ansehnliche Optik des modular aufgebauten Uhrwerks, dass auch als Derivat mit Handaufzug und in zahlreichen Varianten mit Tag (2834 und 2836), sowie in den Versionen mit 21.600 Halbschwingungen (2840, 2842, 2846, etc.) für eher preisgünstige Uhren sowie die konzerneigene Automatik-Swatch zu haben ist.

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Originales ETA 2824-2 ohne Rotor und Automatik-Baugruppe. Das Werk ist voll verziert, verfügt über eine Incabloc-Stoßsicherung und eine Glucydur-Unruh. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Made in China: Seagull und Hangzhou

Tianjin Seagull zählt zu den ältesten chinesischen Uhrenfabriken – seit 1955 baut das Unternehmen Uhren, Werke und Zubehör. Zahlreiche europäische Label nutzen Werke oder komplette Uhren im Rahmen von Private Label-Agreements. Mit dem ST-2130 bietet das Unternehmen eines der angeblich besten in China erhältlichen Kaliber. Im Vergleich mit dem ETA 2824 geht das Uhrwerk als Zwilling durch – vor allem in den vorliegenden Versionen. Das originale ETA-Werk liegt für die Fotos in der Vollschliff-Variante Soigné vor, und auch Seagull hat nicht mit Schliffen gespart. Die Perlierungen sind auf allen Brücken und Kloben ausgeführt, der Rotor trägt Genfer Streifen. Im Gegensatz zu anderen chinesischen Uhrwerken aus demselben Haus sind die Schliffe echt und nicht geprägt – ein Fortschritt im Vergleich zu den bisherigen „Shanghaier Striemen“.

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Zifferblattseite des Seagull 2130. DAs Werk ist ein Nachbau des ETA 2824-2. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Als zweiten Kandidat schickt die Volksrepublik China das Hangzhou 6300 ins Rennen. Der Hersteller baut erst seit 1972 Uhren, Werke und Komponenten. Unser vorliegendes Testwerk – eine Variante mit der Kalibernummer 6460 – ist dabei die dem 2836-2 entsprechende Variante, statt einer Anzeige des Wochentages ist das Werk mit einer GMT-Funktion über einen separat verstellbaren Stundenzeiger ausgestattet. Das Uhrwerk ist vergoldet und wirkt – verglichen mit einem Basis-ETA-Original wie ein direkter Zwilling mit nur einem Unterschied: Die ETA-Punze unter der Unruh fehlt.

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Hangzhou 6460, ein direkter Klon des 2824-2 in der Basisausführung. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Halber Preis bedeutet auch halbe Leistung?

Je nach Abnahmemenge besteht ein Preisunterschied von mehr als zwei Dritteln zugunsten der Werke von Hangzhou und Seagull. Ab 40 Dollar kosten die Uhrwerke über den Großhandel, die Abnahme ab Fabrik dürfte günstiger sein. Originale ETA-Werke kosten nach den jüngsten Preiserhöhungen deutlich mehr als das Doppelte im Einkauf. Nach dem Eingang in der Redaktion wurden die über normale Bezugswege gekauften Werke optisch geprüft, und einer Zeitwaage-Messung nach Vollaufzug unterzogen. Ein erste Überraschung sind die Gangwerte – bei allen drei Kandidaten. Hohe Amplituden und geringe Abweichungen pro Tag zeichnen nicht nur das Original, sondern auch die Nachbauten aus. Geringfügig besser als das Seagull scheint dabei die Funktion des Hangzhou 6300. Geringfügig geringere Amplituden, aber weniger Schwankungen in den einzelnen Lagen sprechen für eine gute industrielle Bearbeitung der Räder und Triebe sowie für die Qualität der Hemmung. Auch das originale ETA bietet selbstverständlich gute Gangwerte mit geringen Schwankungen in den Lagen und stabilen Amplituden. Wie üblich sind die Werke alle auf leichten Vorlauf reguliert, der sich im Laufe der ersten Wochen nach einer Einlaufphasen noch reduzieren kann.

Bei allen optischen Gemeinsamkeiten muss es auch Unterschiede zwischen den Werken geben. Bei den technischen Spezifikationen halten sich die chinesischen Hersteller Hangzhou und Seagull bedeckt. Weder das Material der Unruh noch der Zugfedern oder Spiralen konnte ermittelt werden. Bereits die Hemmungspartie des Seagull ST 2130 ist im Detail deutlich unterschiedlich, als Unruh wurde ein optisches Pendant zur Chronometer-Unruh von ETA mit geraden Schenkeln verwendet, jedoch mit deutlich schlankerem Reif. Weniger dem Chronometerstandard entspricht die Stoßsicherung (bei ETA Incabloc), die bei Seagull dem Etachocs-System nachempfunden ist. Anders als bei ETA ist der Ausbau der Stoßsicherungsfeder jedoch ungleich schwerer – nur eine Öffnung ermöglicht das Ausdrehen des Federdreiecks. Die Regulierung wird – ebenso wie bei ETA – über eine Exzenterschraube für den Rückerzeiger vorgenommen. Auch die Spirale ist am Spiralschlüssel und –klötzchen (dem Endanschlag) analog zum ETA-Werk geführt und befestigt, das gesamte System mit der Reguliervorrichtung wird beim Schweizer Hersteller Etachron genannt. Rotor und Automatikeinheit des 2130 lassen sich leicht entfernen, der offene Blick auf das Räderwerk offenbart Grate an den Brücken und Kloben und Spuren aus der Fertigung auch auf den Rädern und Trieben. Für einen genauen Gang ist die Güte der Zapfen entscheidend – den Gangwerten zufolge haben die Chinesen hier gute Arbeit geleistet. Der Blick in die Tiefen des echten ETA zeigen Räder, die einer optisch besseren Behandlung unterzogen wurden – wenngleich mit starker Vergrößerung auch bei einem vollverzierten ETA 2824-2 die Kanten grob behauen wirken.

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ETA 2824-2 im original: Das Werk ist in der Ausführung Soígne, wenngleich es seinen Fertigungsprozess nicht verhehlen kann – die Kanten sprechen eine klare Sprache der industriellen Fertigung. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Die Zierschliffe auf den Oberflächen des rhodinierten Seagull-Werkes sind nicht übermäßig tief aufgebracht. Bei genauer Betrachtung durch das Makroobjektiv könnte die Verarbeitung hier besser sein. Auffallend: die Führungsstifte, die beim aufsetzen der Brücken als Orientierung und Fixierung dienen, sind bei Seagull von der Oberseite sichtbar. Bei der Abnahme der Sperrrads über dem Federhaus offenbart das Werk von Seagull eine Überraschung: Ein Lagerstein sorgt hier für reibungslosen Lauf des Federhauses. Beim Originalwerk ist an dieser Stelle ein Hartmetalllager, nur zifferblattseitig ist das Federhaus in einem Rubin gelagert. Damit erreicht das Werk eine gerade Anzahl von Lagersteinen – 26 an der Zahl. Doch weitere Überraschungen liegen nicht vor – die Chance auf eine Verbesserung wurde verpasst, die klassischen Schwachpunkte wurden ebenso kopiert. Dazu zählt das als Sperrklinke fungierende Kronrad, das elliptisch auf dem Brückenmaterial gelagert ist. Bei häufigem Handaufzug ist diese Lagerung starkem Verschleiß unterworfen. Auch die Klinkenräder der Automatik fallen unter diesen Aspekt – auch hier sorgt häufiger Handaufzug für Ausfälle.

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Seagull 2130: Die dünnen, aber zumindest echten Schliffe sind sichtbar – oben am Rand ist noch der zusätzliche Lagerstein für das Federhaus sichtbar. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Alle Funktionen des Seagull ST2130 schalten sich gut, der Sekundenstopp ermöglicht präzises einstellen. Erstaunlich und pikant: Mit diesem Werk hat vor wenigen Monaten Fossil eine erste Uhrenkollektion auf den Markt gebracht – als Swiss Made-Kaliber. Dazu wird das Basiswerk in der Schweiz bei der zur Fossil-Gruppe gehörenden Fabrik STP mit neuer Zugfeder, Incabloc-Stoßsicherung und Unruhspirale versehen. Danach ist die Metamorphose von China zu Swiss Made abgeschlossen. Diesen Weg schlägt auch der Werkhersteller Valanvron ein – auch hier kommt die Basis von Seagull zum Einsatz.

Mit dem Hangzhou 6300 geht ein Werk ins Rennen, das ebenfalls als direkter Zwilling des ETA-Originals anerkannt werden kann. Der qualitative Eindruck, Form der Unruh und viele weitere Details sind hier entsprechend dem Basis-2824-2. Der Eindruck verleitet uns zu einem Experiment, das wir auch beim Seagull wiederholen: Wir tauschen Einzelteile zwischen den verschiedenen Uhrwerken. Und tatsächlich: Die Unruh oder das Sekundenrad, die einzelnen Teile sind zwischen Hangzhou und ETA tauschbar, das Werk läuft. Auch die Seagull-Teile lassen sich zum Teil austauschen, jedoch nicht komplett – Räder und Triebe sind zum Teil kompatibel, Brücken und Kloben nicht.

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Close-up des Hangzhou-Kalibers. Es ist in Details sauberer gefertigt als das Seagull-Pendant. ©Zuckerfabrik Fotodesign

Auch das Kaliber 6300 verfügt über den zusätzlichen Lagerstein in der Federhausbrücke, der dem Werk zu gesamten 26 Steinen verhilft. Bei der Stoßsicherung wird ebenso auf Etachocs zurückgegriffen – ebenso unbequem zu zerlegen wie das Seagull ST 2130. Hier ist das Original eindeutig im Vorteil. In der Bedienbarkeit folgt Hangzhou dem Standard – Sekundenstopp und Datumsschnellverstellung sind vorhanden. Reguliert wird auch dieses Werk über die Kopie der Etachron-Exzenterverstellung. Insgesamt wirkt das Werk qualitativer als das Seagull und am ehesten wie eine wirkliche 1:1-Kopie. Daher trifft man dieses Werk auch gelegentlich in Uhrenfälschungen an, ausgestattet mit der Werkspunze der ETA. In diesem Fall wird aus dem patentfreien Werk eine Produktfälschung – egal in welcher Uhr.

3 Comments

  1. Super Beitrag ! Der kompetenteste mir (bis dato) bekannte Beitrag zu diesen Werken ! Hut ab !!

  2. Sehr gute Erklärung, ich bedanke mich recht herzlich für diese gute Arbeit. Ich habe eine sehr lange Zeit eine No Name Diver mit ETA 2824-2 Werk getragen. Die aber leider nun ihren Geist aufgegeben hat. Deshalb suchte ich nach Automatikuhren die einige Kriterien erfüllen sollten. Diver Automatik, Edelstahl Gehäuse, Saphirglas, Keramik Lünette, gefräste Bandanstöße, verschraubte Glieder, massive Faltschließe. Und das gibt es auch komplett als Chinesische Fertigung, die dann eben Hangzhou oder Seagull Werke haben. Zu einem sensationellen Preis. Das muss ich testen.

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