Review: Belville 1892

Hands-on mit zwei Prototypen

Ruth Belville war die Zeitansage in London, lange bevor es die Zeitansage über das Telefon überhaupt gab. Mit einem Taschenchronometer gab sie reichen Londoner Bürgern die Zeit, nach der die lokalen Stand- und Wanduhren eingestellt wurden.

Mit einer Uhrenmarke wird diese Geschichte nun gewürdigt – Belville 1892. Manch kritische Stimme im Internet merkt an, das die Jahreszahl irreführend sei, ebenso wie die Nutzung der Geschichte. Dem kann man zustimmen oder nicht – auch Chopard-Inhaber Karl-Friedrich Scheufele hat die Geschichte des Uhrmachers Ferdinand Berthoud genutzt, um eine neue Marke zu etablieren. Insofern ist diese Form des Storytelling branchenüblich und in keiner Weise verwerflich.

Das Zifferblatt ist aufwendig und hochwertig. © Thomas Gronenthal

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Der Hamburger Axel Kmonitzek, der bereits erfolgreiche Marken wie Pop-Pilot oder Fischer & Cie positioniert hat, nutzte die Story zur Kreation einer Markengeschichte und einer Designphilosophie, die klassische und modern zugleich ist. Aktuell läuft eine Kickstarter-Kampagne für die Uhren, die so zu einem deutlich reduzierten Preis gekauft werden können.

Das Flaggschiff ist die Greenwich Collection, ausgestattet mit einem Schweizer Uhrwerk von Sellita. Das SW200 ist das Ebenbild des ETA 2824-2 und überzeugt mit ebensolchen Qualitäten. Die Gangwerte sind gut, mit einer Gangreserve von 38 Stunden ist der Atem des Uhrwerks mehr als ausreichend. Eine genauere Untersuchung der Gangwerte macht allerdings bei den Prototypen wenig Sinn.

So werden sehr gute Gehäuse gebaut: Zwei O-Ringe, einmal im Metallwerkhaltering und einmal um den Gehäuseboden sorgen für sichere Abdichtung. © Thomas Gronenthal

Bei Belville wird das Sellita-Uhrwerk mit einem eigenen Rotor ausgestattet, der neben Streifenschliff auch über eine Skelettierung verfügt. Hinzu kommt die Lagerung des Werkes in einem Metallring – ein Merkmal, das mir immer wichtig ist bei einer Uhr, die ein Leben lang halten soll. Werkhalteringe aus Kunststoff altern mit der Zeit und werden brüchig.

© Thomas Gronenthal

Aber erst ein Blick in die Augen – bzw. auf das Zifferblatt. Es ist klassisch-elegant und mit einer wunderbaren Waffelguilloche versehen. Die römischen Ziffern sind gedruckt, aufgesetzte Stundenpunkte veredeln das Blatt noch. Das Datum ist bei drei Uhr angeordnet, ohne den Minutenring zu stören. Die Zeiger sind ebenso klassisch im Breguet-Look, elegant und in perfekter Länge. Ein besonderes Bonbon ist allerdings das Gehäuse, das aus drei Teilen besteht: Lünette mit Saphirglas, Mittelteil und der fünffach verschraubte Boden. Es ist komplett poliert und sehr hochwertig, die Fasen machen das Spiel mit den Reflexionen edel und elegant. Mit exakt zehn Millimetern Höhe passt es optimal unter jede Hemdmanschette. Der Preis auf Kickstarter: 480 Euro. Das ist für eine Uhr, die das Label „Made in Germany“ trägt und mit einem Schweizer Automatikwerk ausgestattet wird, kein Geld. Wer eine elegante, zuverlässige und lange nutzbare Uhr sucht, wird hier sicher zu einem Spitzenpreis fündig.

© Thomas Gronenthal

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Ebenso elegant, aber mit einer Vielzahl an Anzeigen kommt die Gilford Collection daher. Neben der Gangreserve, dem Monat, Wochentag und Datum verfügt die Uhr über eine Tag/Nacht-Anzeige auf sechs Uhr. Und natürlich Stunde, Minute und Sekunde.

379 Euro kostet die Uhr, die von einem Miyota 9100 angetrieben wird. Das Schnellschwingerwerk aus Japan gilt als eines der wenigen, das der Schweizer Konkurrenz Paroli bieten kann. Bei dieser Uhr wurde ebenso wie bei der Dreizeigeruhr viel Wert auf qualitative Komponenten gelegt: Zifferblatt, Zeiger und Gehäuse sind hochwertig und sehr gut verarbeitet. Das Gehäuse des vorliegenden Prototyps wurde in Rosegold PVD-beschichtet, auch Boden und Gehäuseschrauben sind vergoldet und runden die Rückansicht ab.

© Thomas Gronenthal

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Für beide Uhren kommen zudem hochwertige Lederbänder eines deutschen Herstellers zum Einsatz – kein Standard bei Uhren dieser Preisklasse.

Neben dem Saphirglas, den hochwertigen Uhrwerken und der Detailqualität ein weiteres Merkmal, das die Belville-Uhren vom Standard abhebt. Hinzu kommt: Dahinter steht ein Unternehmen, das bereits mehrfach bewiesen hat, das es das Handwerk Uhrenbau versteht. Damit ist der After-Sales-Service gesichert – keine Selbstverständlichkeit mehr im Microbrand-Umfeld. Noch dauert die Kickstarter-Kampagne knapp zwei Wochen, und die besten Stücke sind alle noch verfügbar.

Auch hier werden zwei O-Ringe verwendet, ebenso wie der Werkhaltering aus Metall. © Thomas Gronenthal

Aber auch die Einsteiger-Modell sind interessant: Für 149 Euro gibt es die Avenue mit kleiner Sekunde, in der Optik am nächsten an der historischen Taschenuhr von Ruth Belville. Geliefert werden die Uhren dann im kommenden Jahr, pünktlich zum Frühling im Mai. Das ist der einzige Nachteil an der Kampagne. Aber – wie heißt es: Vorfreude ist die schönste Freude!

Kleine Sekunde, Quartzwerk, Edelstahl: 149 Euro kostet diese Einsteigerversion über Kickstarter. © Belville

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