Review: Lilienthal Berlin Zeitgeist Automatik

Eine echte Hauptstadtüberraschung

Zugegeben, es gibt Marken, die ich gedanklich schnell in eine Schublade packe. Das bleibt aber auch kaum aus, wenn wöchentlich Emails mit dem Betreff „Neue Uhrenmarke“ und einem dem folgenden Inhalt vergleichbarem Messaging in meinem Postfach aufschlagen: „Levin, Louis und ich haben gerade die Uni abgeschlossen und unser Traum ist eine eigene Uhrenmarke. Wir bieten Luxus zum kleinen Preis, inspiriert von den Gerüchen Venedigs an einem heißen Tag am Nebenkanal, gepaart mit der romantischen Abendstimmung von Pattaya und seinen Hinterhöfen.“

So ging mir das mit Lilienthal: Als Marke für modische Quarzuhren hatte ich den Hersteller ad acta gelegt. Bis zu dem Tag, wo ich die Zeitgeist Automatik sichtete. Schweizer Automatikwerk, Edelstahl, Saphirglas, und sportlich-elegant, das alles „Made in Germany“ für 499 Euro.

© Thomas Gronenthal

Das Design ist übrigens ein Merkmal von Lilienthal, 2017 gewann die Marke den iF Design Award, 2018 den German Design Award und dazu noch den Green Product Award. Und anders als die Mehrzahl der Microbrands kann man diese Uhren auch im Handel kaufen, unter anderem bei Christ. Und so war ich gespannt auf die Testuhr, die bei mir zudem positive Emotionen auslöst: Als beruflicher Vielflieger gehört der Berliner Flughafen Tegel zu meinen liebsten Plätzen zum starten und landen. Und der Airport ist ebenso nach dem deutschen Flugpionier Otto Lilienthal benannt!

Schattenspiele mit dem Sekundenzeiger. © Thomas Gronenthal

In einer ansehnlichen Pappverpackung ruht die Uhr und fällt zu allererst positiv durch das Gewicht auf: 81 Gramm am Lederband sind eine Ansage, die sich solide anfühlt und auch so trägt, ohne zu schwer zu sein.

Das Design

Die Optik ist ein Sahnestück. Das matte gestrahlte Gehäuse ist individuell und hochwertig, die Lünette mit 45 Grad-Schnitt macht die Uhr trotz 42,5 Millimeter Durchmesser angenehm dezent. Das eingepasste Flachglas aus künstlichem Saphir ist innen entspiegelt. Die tief heruntergesetzten Bandanstöße sorgen für einwandfreien Sitz am Gelenk. Das Zifferblatt ist klar, schnörkellos und wartet dennoch mit feinen Details auf. Feine und sauber ausgeführte Bedruckung, eine umlaufende Vertiefung sorgen für optische Abwechslung, und die ideal proportionierten Zeiger gefallen zum Ablesen der Zeit ebenso wie zum simplen Betrachten aus purer Freude. Der Sekundenzeiger ist in zartem Blau gehalten und passt damit zu den Ende an der Bandnaht. Stunden- und Minutenzeiger sind mit Leuchtmasse versehen. Kleine Leuchtpunkte auf dem Zifferblatt zumindest bei 12 Uhr würden die Nachtablesbarkeit noch weiter erleichtern. Der Schrifttyp ist individuell und wird stringent eingehalten. Besondere Überraschung: Das Datum nutzt nicht den Standard von Selitta, sondern auch die Datumsscheibe wurde im passenden Schrifttyp gedruckt. Das ist ein kostenintensiver Mehraufwand, der sich aber optisch lohnt.

© Thomas Gronenthal

Gehäuse & Band

Das Gehäuse ist aus Edelstahl, das Oberteil, in dem das Glas sitzt sowie der mittlere Teil sind in Matt gestrahlt. Die Oberfläche ist gelungen, scharfe Ecken und Kanten gibt es keine. Der Boden trägt einen Kreisschliff und ansprechende Gravuren, die auf die technischen Details sowie die Herkunft von Design und Uhr hindeuten. Es fällt die saubere und bündige Passung des Bodens auf, der mit vier Schrauben befestigt ist und die Uhr wasserdicht bis 50 Meter macht. Eine weitere Besonderheit ist die Krone, die gänzlich ungewöhnlich geformt ist und in das Gehäuse integriert wurde. Die Oberfläche wurde wie der Boden mit Kreisschliff versehen. Erstaunlich ist die Griffigkeit der Krone: Trotz der flachen, linsenförmigen Bauweise lässt sie sich durch eine integrierte Nut mit eingelegtem Gummiring problemlos ziehen und drehen. Das gilt sogar für die initiale Kraftspende für die Zugfeder, bei der die Bedienkräfte am höchsten sein müssen.

Der nahtlos eingepasste Boden. © Thomas Gronenthal

Das Armband ist ebenfalls aus Deutschland, ist vegetabil gegerbt und in sportlicher Rauhlederoptik. Es ist weich, hochwertig und trägt innen ein dunkleres Futterleder als üblich. Damit sieht das Armband nicht direkt nach wenigen Tagen tragen gebraucht aus – im Gegenteil, nach einer Woche Tragezeit kann man den typischen Knick des langen Bandteils, wenn es durch die Dornschließe geführt wird, als einzige Tragespur ausmachen. Die Dornschließe besteht ebenso wie das Gehäuse aus gestrahltem Edelstahl in wertiger Mattoptik.

© Thomas Gronenthal

Das Werk

Lilienthal benutzt ein Uhrwerk aus der Schweiz, das Selitta SW200. Optisch und technisch ist es ein Zwilling des ETA 2824-2 und damit eine robuste und präzise Technik, die kaum aus der Ruhe zu bringen ist. Das bestätigen auch die Gangwerte, die in einem guten Rahmen liegen. In liegender Lage erreicht das Uhrwerk eine Abweichung von plus drei Sekunden bei einer Amplitude von 290 Grad und einem Abfallfehler von 0,1 ms. In hängender Lage ist die Abweichung leicht höher und liegt bei plus sechs Sekunden bei 275 Grad Amplitude und einem Abfallfehler von 0,2 ms.

© Thomas Gronenthal

Das sind sehr gute Werte, die sich nach wenigen Wochen Einlaufzeit typischerweise noch verbessern werden.

Im Gehäuse wurde das Werk mit stabilen Briden befestigt, weit und breit ist dabei kein Werkhaltering aus Plastik sichtbar. Sehr schön gemacht! Hinzu kommt der schwarze Rotor, der das ansonsten optisch unverzierte Uhrwerk sehr ansehnlich macht. Das Markenlogo wurde ebenso auf den Rotor graviert.

Watchthusiast-Fazit:

Tja, was soll ich sagen. Die Schublade, in die ich Lilienthal gesteckt hatte, war falsch. Aber so ganz falsch. Diese Uhr ist für diesen Preis – 499 Euro – ein absoluter Genuss. Sie ist individuell, schön gestaltet, und hochwertig verarbeitet. Details wie die eigens bedruckte Datumsscheibe stehen normal einer Marke in der Preisklasse ab 1.000 Euro gut zu Gesicht – bei einem Microbrand ist dies hingegen absolut selten.

Insofern schlägt die Lilienthal Zeitgeist Automatik auch die zum gleichen Betrag erhältliche Outsiders Revolution um Längen – und das ganz ohne einen lauten Auftritt, sondern mit sportlicher Eleganz, Solidität und einem treffsicher umgesetzten Design.

Die Uhr trägt sich sehr gut, wirkt erwachsen, und ist vor allem nicht nur auf Berliner Hipster zugeschnitten. Sorry, Lilienthal, für die Schublade. Ihr seid raus da, und baut mit der Zeitgeist Automatik definitiv eine sehr gute und preiswerte Uhr.

Testbox

HerstellerLilienthal Lifestyle GmbH
ModellZeitgeist Automatik
Material

Gehäuse

Band

Glas

 

Edelstahl, 316L

Leder, vegetabil gegerbt

Saphir, innen entspiegelt

Durchmesser42,5 Millimeter
Wasserdichte50 m / 5 bar
Gangwerte

(Liegend, Vollaufzug)

+ 3 s/24h, 290° Amplitude, Abfallfehler 0,1 ms
Gangwerte

(Liegend, nach 24 Stunden)

+ 9 s/24h, 270° Amplitude, Abfallfehler 0,1 ms

Bewertung

ProTop-Verarbeitung, Selitta-Uhrwerk SW200 (Swiss Made), Uhr Made in Germany, Ablesbarkeit, individuelle Gestaltung, hochwertiges Lederband.
ContraLeuchtmasse nur in Stunden- und Minutenzeiger – keine Leuchtmarkierung auf dem Zifferblatt.
Preis499 Euro
BewertungDiese Uhr ist für diesen Preis – 499 Euro – ein absoluter Genuss. Sie ist individuell, schön gestaltet, und hochwertig verarbeitet. Details wie die eigens bedruckte Datumsscheibe zeichnen die Uhr zusätzlich aus. Lilienthal baut mit der Zeitgeist Automatik definitiv eine sehr gute und preiswerte Uhr.

 

Ein Wristshot: So wirkt die Zeitgeist Automatik am Handgelenk. © Thomas Gronenthal

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