Stimmgabeluhren: Die Mücke am Handgelenk

Eine Uhr tickt – ob Quartz oder Mechanik. Aber eben doch nicht alle Uhren – 1960 musste sich das Ohr mancher Uhrenträger umgewöhnen. Wie eine Mücke klingt es, wenn eine Stimmgabel in der Uhr für die richtige Zeit sorgt. Diese Vorstufe der Quarzuhr wurde in zahlreichen Modellen eingesetzt – allen voran die Accutron von Bulova, die als erste Armbanduhr mit Stimmgabel in den Handel kam. Mit dem Slogan „The Watch that hums!“ brachte Bulova die Uhr an den Mann – und auch in den Weltraum.

1953 nahm das Summen seinen Lauf

Handaufzug und Automatik – das war in den 50er Jahren gängiger Standard an den Handgelenken von Herren und auch Damen. Zwar gab es auch schon erste Uhren mit einem Schwingquartz – Vorläufer der heutigen Massenuhren mit Quartzwerk – doch von einer handlichen Größe waren diese noch weit entfernt. Häufig nötige Wartungen, empfindliche Mechanik und allzu oft mangelnde Präzision warfen die Uhrenträger den mechanischen Zeitanzeigern vor. Was bei Weitem nicht immer Schuld der Uhren war. Die Industrie arbeitet an Alternativen – allen voran der schweizerisch-amerikanische Hersteller Bulova, der einen begabten Physiker aus Basel mit der Entwicklung betraute: Max Hetzel. Der im Jahr 1921 geborene Wissenschaftler nahm bereits 1951 die Aufgabe bei Bulova wahr, zwei Jahre später – im Juni 1953 – war der erste Prototyp lauffähig.

Was bei mechanischen Uhren mit Unruh und Zugfeder zu einer Zeitanzeige führt, findet im Inneren der Stimmgabeluhr mit einer Batterie und einer schwingenden Stimmgabel statt. Über einen hauchfeinen Draht, am Ende versehen mit einem künstlichen Rubin ähnlich des Palettensteins im Anker der Handaufzug- oder Automatikuhr wird ein Zahnrad angetrieben. Die Schwingungen der Stimmgabel schieben das Rad dabei ein winziges Stück vor. Eine Sperrklinke verhindert ein Zurückschnellen des Rades. Sichtbar sind die Schwingungen dabei mit bloßem Auge nicht – die Frequenz betrug 360 Hertz bei der Accutron, spätere Modelle anderer Hersteller liefen mit noch höherer Frequenz. Der Mechanismus ist winzig klein im Vergleich zu herkömmlichen Mechanikuhren und so gut wie unsichtbar. Ein Zahn des Klinkenrades misst 0,025 mm in der Breite und 0,01 mm in der Höhe. Das Rad selber hat einen Durchmesser von 2,4 mm und ist mit 300 Zähnen versehen. Als Material kommt Berylliumkupfer zum Einsatz, das sich vor allem in den gewünschten Größenbereichen sehr gut fräsen lässt.

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Ein Gangmodell der Bulova-Stimmgabel-Technologie. Das MOdell stammt aus den 1980er Jahren und wurde im Technicum Cantonal Ecole D’Horlogerie et de Microtechnique, Saint-Imier, verwendet. ©Antiquorum

Wenige Bauteile – mehr Präzision

Nur wenige Bauteile bestimmen den elektrischen Teil der Uhr, deren erstes Werk das Kaliber 214 ist: Ein Transistor schaltet die elektrischen Impulse, zwei Spulen sorgen für die Bewegungen der Stimmgabel. In einer der beiden Spulen ist gleichzeitig eine Messspule integriert, die gemeinsam mit Widerstand und Kondensator die Höhe des Stromstoßes bestimmt. Diese so verwirklichte Amplitudenregelung bewirkt die enorme Ganggenauigkeit der Stimmgabeluhr – bis zu einer Minute pro Monat war der maximale Abweichungswert, der jedoch meistens deutlich unterschritten wird. Damit war ein Quantensprung getan – denn mechanische Uhren wichen pro Woche um diesen Wert ab, wenn es nicht ausgewiesene Chronometer waren. Erstaunlich dabei: Dünner als ein menschliches Haar kommen fast 200 Meter Kupferdraht auf den beiden Spulen der Accutron zum Einsatz.

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Accutron der 70er Jahre, in originaler Box mit Anleitung. Verkauft über das Auktionshaus Antiquorum. © Antiquorum

Besonders zur Geltung kommt diese Technologie bei einem besonderen Modell der Accutron, das heute zu den begehrtesten zählt. Ursprünglich war die Accutron Spaceview in massivem 14 karätigem Gold ausschließlich für Händler gedacht, die in ihrem Schaufenster einen Augenfänger bieten wollten. Denn anders als bei den Serienmodellen bietet die Spaceview den direkten Blick auf die Stimmgabel und die restliche Technik. Schriftzug, Markenlogo und Indexe sind dabei von hinten auf das Kunststoff- oder Mineralglas gedruckt. Die als Schaustück gedachte Uhr erfährt einige Nachfrage bei den Händlern – und schnell entschließt sich Bulova, das Modell auch in großer Stückzahl zu produzieren.

Genauigkeit ist im Weltraum gefragt

Der Name der Pionier-Stimmgabeluhr war mit Bedacht gewählt. „Accu“ stand für Accuracy – Genauigkeit, und das „tron“ entnahm Bulova dem Wort Electronic. Selbstbewusstsein zeichnete die Uhr nicht nur bei ihrer Stimme aus – zwischen f und fis liegt der Ton, den die Uhr als Singsang im Lauf abgibt. Den Weg in den Weltraum fand die Uhr auch – mehrere Modelle begleiteten die Weltraum-Missionen der NASA. Eine Accutron mit 24-Stunden-Zifferblatt wurde in den Kapseln des Gemini-Programms eingesetzt, auch die Apollo-Raumfahrzeuge wurden mit Accutrons ausgestattet. Mehrere Millionen Uhren wurden abgesetzt – der Erfolg war immens, nicht zuletzt auch durch das selbstbewusste und geschickte Marketing. Sogar im deutschen Fernsehen hatte die Bulova Accutron einen Auftritt: 1968 führte der deutsche Physiker und Raumfahrtmediziner in der Sendereihe „Was sucht der Mensch im Weltraum?“ die Zuschauer in die Mythen und Wahrheiten der Raumfahrt ein. Als Beispiel, wie Raumfahrtechnologie den Alltag beeinflussen kann, nutzte er seine private Accutron Spaceview, die mittels Mikrofon ihren besonderen Klang zu den Zuschauern vor den Fernsehgeräten senden konnte.

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Accutron Spaceview: Die Stimmgabel und die elektronischen Bauteile liegen offen vor dem Auge des Betrachters. ©Antiquorum

Auch heute noch sind die Modelle der Spaceview-Baureihe gefragt, die Preise können mehrere tausend Euro in der Goldversion betragen. Deutlich kostengünstiger sind die Modelle in Stahl oder Walzvergoldung zu erwerben. Ab 250 Euro aufwärts ist die Uhr zu haben – je nach Zustand kann der Preis schnell in Bereich von 500 und mehr Euro steigen. Günstiger sind allgemein die Modelle mit geschlossenem Zifferblatt. Problematisch wird es bei der Ersatzteilbeschaffung – nur wenige Uhrmacher verfügen über Teile, bereits die Auswahl der Batterie kann zu Problemen führen. Die ursprünglich von Quecksilberoxidzellen einer Spannung von 1,35 Volt angetriebene Uhr kann heute nur mit Batterien neuer Bauarten mit 1,55 Volt ausgestattet werden. Das kann zu dem Problem eines deutlich zu schnellen Gangbildes führen. Allgemein ist die Mechanik jedoch robust – da kaum Last auf dem Räderwerk ist, ist ein mechanischer Verschleiß kaum messbar. Zudem kommt die Uhr mit deutlich weniger Rädern und Trieben aus als eine mechanische Armbanduhr.

Omega, Tissot und Longines setzen ebenfalls auf Gabeln

Mit der Accutron ist die Geschichte der Stimmgabeluhren jedoch noch nicht beendet. Zwar war der Pionier der Stimmgabel eindeutig Bulova, doch auch andere Hersteller wirkten mit. Allen voran sind die Modelle von Omega bekannt, die von ETA-ESA-Werken angetrieben werden. Doch auch Tissot, Longines und Titoni sowie andere Marken aus der Schweiz und international setzen die summenden Werke ein. Zunächst mit 300 Hertz schwingen die Stimmgabeln aus Grenchen, und vor allem Omega setzt das Werk erfolgreich und selbstbewusst als Kaliber 1250 ein. Dahinter steckt das ETA-ESA 9162. Mit dem Vermerk „f 300 Hz“ zeigt das Zifferblatt den Antrieb – wenn auch ohne die reizvollen Einblicke, die Bulova mit der Spaceview bot. Die elektronisch gesteuerte Stimmgabel treibt auch hier eine Zentralsekunde an, ebenso steht ein Datum zur Verfügung. Mit einem Durchmesser von 13 Linien – 29 Millimetern – und einer Höhe von knapp 5 Millimetern ist das Kaliber kompakt. 12 Rubine sorgen für langen und einwandfreien Lauf. Modelle aus diesen Serien sind heute selten – und entsprechend teuer. Bastelexemplare in lauffähigem Zustand sind ab wenigen hundert Euro zu haben, erstklassig erhaltene Uhren können ab 400 bis zu 1.000 Euro und mehr kosten. Der Zustand, Box und Papiere sowie der Sammlerwille haben hier einen Einfluss auf den Preis.

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Omega Speedsonic „Lobster“. Das Design erinnert an Meeresbewohner, das Werk aus der f300-Reihe summt auf höchster Frequenz. ©Antiquorum

Ende der Stimmgabel

Bis 1977 wird das Kaliber produziert – ebenfalls im Jahr 1977 wird die letzte Accutron gebaut. Einen Höhepunkt der Stimmgabeluhren stellt das Omega-Kaliber 1220 dar, dass von 1973 bis 1974 als Krone der Schnellschwinger gebaut wird. Die als „Megasonic“ bezeichneten Uhren bieten eine Schwingfrequenz von 720 Hertz – doppelt soviel wie die Accutron von Bulova. Auch das Klinkenrad ist hier wesentlich kleiner und im Vergleich zu den anderen Stimmgabelwerken voll gekapselt. Bei einem Durchmesser von 1,2 Millimetern verfügt es über 180 Zähne. Die Kraft wird ebenso innovativ weiter in das Räderwerk geleitet: Mit einer magnetischen Kupplung wird die Energie berührungslos und ohne Eingriff übertragen. Eine bis heute seltene und nahezu einmalige Technologie. Dieses Modell gehört zu den rarsten Uhren mit Stimmgabeln – dementsprechend sind die Liebhaberpreise heute immens. Der damalige Einstiegspreis betrug um die 1.000 Deutsche Mark – viel Geld, wenn man zugrunde legt, das eine Bulova Accutron in der Stahlversion während der Bauzeit zwischen 200 und 400 Deutschen Mark kostete. Preislich darunter lagen die Modelle von anderen Swiss Made-Labeln wie Longines, die für 600 Mark bereits über den Ladentisch gingen.

Doch Ende der 70er Jahre ist auch das Ende für die Stimmgabel da. In erster Linie die Kosten brechen der Technologie das Genick – Schwingquartze lassen sich günstiger und in Massen fertigen. Ein Schrittschaltmotor ist zudem mit weniger Aufwand in das Uhrwerk einzusetzen, Uhren werden noch günstiger. Doch bis heute wird die Magie einer Uhr, die summt, nicht nachlassen: Denn eines ist gewiss – kein Uhrenträger kann diesen Gesang am eigenen Handgelenk überhören.

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