Test: Zeitwaagen-App Tickoprint

Taschen-Zeitwaage zum Mitnehmen

Wer sich mit mechanischen Uhren auseinandersetzt, der verspürt früher oder später den Drang nach einer Zeitwaage. So ein Gerät verrät schnell, ob eine Uhr genau geht oder nicht – und viel wichtiger: Der aktuelle „Gesundheitszustand“ einer Uhr lässt sich sehr gut ermitteln.

Eine professionelle Zeitwaage ermittelt dabei folgende Werte:

Amplitude: Die Amplitude wird in Grad angegeben. Nicht Celsius, auch nicht Fahrenheit – sondern Winkelgrade. Eine gesunde Uhr hat bei Vollaufzug zwischen 260 und 290 Grad Ausschlag der Unruh. Sinkt dieser Wert in einigen Lagen dramatisch, spricht das für einseitig defekte Lager. Ist der Wert generell niedrig, benötigt die Uhr eine Revision. Oftmals reicht dann ein einfacher „Ölwechsel“, aber vielfach lohnt sich auch der Tausch der Zugfeder, um der Uhr die alte Energie zu geben. Eine zu hohe Amplitude – mehr als 310 Grad – spricht für Prellen. Dabei kommt mehr Kraft an der Hemmung an als nötig. Dabei kann der Ellipsenstein an der Unruh, der den Anker betätigt, Schaden nehmen und brechen.

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Witschi Watch Expert: Eine professionelle Zeitwaage, die in zahlreichen Werkstäten steht. Das Gerät kostet einen vierstelligen Eurobetrag. ©Witschi

Abweichung: Die Abweichung misst eine Zeitwaage in Sekunden pro 24 Stunden. Interessant ist stets zu sehen, wie sich diese Abweichung in den verschiedenen Lagen ändert – abhängig von der Schwerkraft. Generell gilt beim regulieren die Faustregel, einen leichten Vorgang von zwei bis drei Sekunden in den liegenden Lagen zu erzielen. Bei Abweichungen von mehr als 15 bis 20 Sekunden sollten die anderen Werte wie die Amplitude und der Abfallfehler genau betrachtet werden, um das Problem einzukreisen.

Abfall: Der Abfall oder auch Abfallfehler genannt wird in Millisekunden gemessen. In diesem Fall bezeichnet es eine Unsynchronizität der halben Unruhschwingung. In einer perfekten Uhrenwelt schwingt die Unruh in beide Richtungen genau die gleiche Gradzahl. Durch das Messen des Abfalls wird ermittelt, ob der Endanschlag der Unruhspirale justiert werden muss. Im Optimalfall beträgt der Abfallfehler 0,0 ms, bis zu 0,3 ms sind tolerabel, ab 0,5 sollte auf jeden Fall justiert werden. Gangabweichungen sind oftmals schon deutlich verbessert, wenn der Abfall richtig eingestellt ist.

Diese drei Messwerte sind nötig, um darüber zu befinden, ob eine Uhr gesund ist. Bei einer Amplitude von 280 Grad bei Vollaufzug, einer Abweichung von 5 Sekunden / 24 Stunden und einem Abfall von 0,2 ms besteht kein Handlungsbedarf – der Uhr geht es gut.

Bei einer Amplitude von 220 Grad bei Vollaufzug, einer Abweichung von 25 Sekunden plus auf 24 Stunden besteht definitiv Handlungsbedarf. In diesem Fall werden einige Lager der Uhr trocken sein und bedürfen einer Schmierung. Sollte die Uhr so länger laufen, ist die Gefahr von echten Schäden wie eingelaufenen Zapfen ungleich höher.

Professionelle Zeitwaagen kosten sehr viel Geld – die Modelle des Schweizer Herstellers Witschi sind hier die Krone der Schöpfung. Günstiger sind Geräte aus China, allen voran die Timegrapher. Diese Zeitwaagen sind Kopien der günstigen Geräte von Witschi, bieten alle wichtigen Messwerte und kosten um die 200 Euro. In Anbetracht der Kosten für seltene Sammleruhren ein Tropfen auf den heißen Stein! Ebenfalls aus China kommen die Modelle von Weishi, mit denen ich bisher keine Erfahrungen machen konnte.

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Eine echte alte Tickoprint von Bandelin. Das Gangergebnis wird auf dem Papierstreifen ausgegeben. ©eBay

In Deutschland sitzt die Entwicklung von Tickoprint. Der Name stand früher für echte Zeitwaagen, erkennbar an einem Papierstreifen, auf den das Diagramm über den Gang gedruckt wurde. Heute ist Tickoprint eine App für – aktuelle ausschließlich – Android Smartphones. Die Idee ist gut, und ich bekam ein Test-Setup vom Hersteller bestehend aus einem Mikrofon mit Klammer und einem kleinen Verstärker. Der Verstärker braucht einen USB-Stromanschluss, das Mikrofon wird mit dem Verstärker verbunden und ein Klinkenkabel verbindet Tablet oder Smartphone mit dem Verstärker. Danach kann sofort gemessen werden. Praktisch ist die Mobilität und das schnelle Setup bei Geräten, die jeder Uhrensammler in der Regel auch im Haushalt hat. Apple-User indes müssen noch auf die App verzichten.

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IWC Aquatimer während der Messung: Die Klammer auf der Uhr enthält das Mikrofon, in dem Kästchen ist der Verstärker. Die Gangwerte lassen sich auf dem Display eines Android-Devices mit der Tickoprint-App ablesen. ©Thomas Gronenthal

Schnell fällt auf, das die Ergebnisse stark vom Uhrengehäuse abhängig sind. Je massiver ein Uhrwerk verpackt ist, desto schlechter ist die Signalqualität. Bei stillen Uhrwerken kann keine Messung vorgenommen werden – und darunter fielen in der Testreihe einige. Zudem ist viel Stille nötig – bei einem Test auf einer Uhrenbörse in einer lauten Halle waren keine verwertbaren Ergebnisse mit dem zur Verfügung gestellten Equipment zu erzielen. Zum Vergleich herangezogene Apps für das iPhone (Kello und Timegrapher) konnten derweil auch unter lauteren Bedingungen zumindest eine Richtung für die Gangwerte ermitteln.

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Dargestelltes Gangergebnis der Tickoprint-App: Die Linie zeigt die Abweichung, der Abfall ist sehr gut justiert. An der Abweichung könnte man noch arbeiten. ©Tickoprint

Unter Laborbedingungen indes schlägt sich das Setup mit App und Verstärker gut und liefert vergleichbare Werte wie die Timegrapher-Zeitwaage. Laute Uhrwerke wie die Unitas-Kaliber in Panerai-Uhren werden sehr gut erkannt, während das ETA-Valjoux 7750, ein Klassiker der Werke, nicht in allen Fällen korrekt erkannt wird. Hier kommt einer der wichtigsten Faktoren zum Tragen: Während in einer stationären Zeitwaage ein Körperschall-Mikrofon verwendet wird, das die Schallwellen ausliest, nutzt die Tickoprint-Lösung bisher noch ein einfacheres Mikrofon, das eher für den Audio-Bereich gedacht ist. Zudem wird bei einer professionellen Zeitwaage das Signal über die Krone aufgenommen – dieses Bauteil ist direkt mit dem Uhrwerk über die Kronenwelle verbunden und überträgt den Schall optimal. Daher sind die Gehäusestärke und andere Faktoren nicht so entscheidend wie bei Tickoprint. Ein „nacktes“ Uhrwerk wird problemlos gemessen, ebenso eine Uhr ohne Gehäuseboden. Das allerdings widerspricht ein wenig der These, das Tickoprint vor allem für den Hobbyisten gedacht ist. Praktisch wiederum ist die Möglichkeit, einzelne Datensätze zu den Uhren anlegen zu können. Bilder und Daten werden gemeinsam mit dem Gangergebnis gespeichert. Diese Funktionen allerdings stehen nicht in der Basisversion zur Verfügung, hier muss also gegen Geld im Play-Store aufgerüstet werden.

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Hublot mit Lauscher: Das Setup ist bequem zu transportieren. ©Thomas Gronenthal

Dennoch: Der Ansatz ist hervorragend, einen Mini-Computer wie ein Smartphone zu nutzen und als Zeitwaage aufzurüsten. Details können noch verbessert werden, mit anderer Mikrofon-Technik und einem Halter, in den eine Uhr eingespannt werden kann, ist sicher noch deutlich mehr möglich. Am Ende wir die günstigere und mit höchster Zuverlässigkeit versehen Lösung gewinnen – Preisverfall von professionellen Zeitwaagen „Made in China“ also gegen Engineering „Made in Germany“ mit noch mehr Treffern im Test als bisher.

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