Uhrenindustrie weicht eigene Regelungen auf

Wofür soll "Swiss Made" stehen?

„Swiss Made“ gilt bei Uhren als Qualitätskriterium. Zumindest suggeriert es, das die Uhr und sämtliche Teile in der Schweiz hergestellt sind. Das dem nicht so ist, zeigen einigen Marken bereits – mit ein Grund, warum die Schweizer Uhrenbranche auch auf Druck der Swatchgroup die neue Regelung Swissness für das Label «Swiss made» einführen will. Oder besser: Wollte.

Zwar hat der Branchenverband selber über Jahre für die noch schärferen Bestimmungen Lobbyarbeit betrieben – der Gesetzentwurf wurde durch das Parlament abgesegnet. In acht Monaten soll das neue Swissness-Gesetz in Kraft treten – doch plötzlich ruft die Branche nach Ausnahmeregelungen. Offenbar ist die Krise mittlerweile doch in der Schweiz angekommen, denn die Exportzahlen der Schweizer Uhrenindustrie sind weiter rückläufig. Konkret sollen verschiedene Komponenten wie Zifferblätter, Gehäuse und Gläser vorübergehend aus der Swiss-Made-Berechnung ausgeklammert werden. Denn hier ist festgelegt, dass 60 Prozent der Herstellungskosten eines Produkts in der Schweiz anfallen müssen. So sollen Komponenten, die im laufenden Jahr im Ausland gekauft wurden, während zwei weiteren Jahren ohne Restriktionen für die Uhrenproduktion verwendet werden dürfen: Damit sind Zulieferteile aus Asien gemeint, die einen Bruchteil der Schweizer Herstellpreise kosten. Angeblich fehle es in der Schweiz an Produktionskapazitäten.

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Made in Nowhere – wo dürfen in den kommenden Jahren die Bauteile einer „Swiss Made“-Uhr herkommen?

Die jetzt plötzlich gewünschte Aufweichung der Bestimmungen und vor allem die Begründung sorgt für Wut – wie ein Zitat von Philipp Looser in der Schweizer Handelszeitung zeigt: „Die Schweizer Zulieferbetriebe stecken heute mehrheitlich in Kurzarbeit“, sagt Looser, der beim Zeigerhersteller Estima tätig ist. Zu wenig Kapazität ist also eine dreiste Lüge, wie es scheint. „Wir haben das Swissness-Gesetz für die Uhrenindustrie gemacht“, sagt derweil der Schweizer FDP-Ständerat Martin Schmid. Und gerade bei den Uhren solle das nun durchlöchert werden, während andere Branchen unter dem Druck leiden würden – weil hier das Gesetz angewendet wird.

Es ist eine interessante Entwicklung – das Hemd scheint doch näher als der Rock, und zur Maximierung der Gewinnspannen wird auch ein Aufweichen des eigenen Ehrenkodex gefordert. Erfreulich ist, dass nicht alle Unternehmen begeistert sind von den Forderungen.

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