Super-Scam? Theorema und Pionier-Uhren von Händler Tufina

Teure Facebook-Werbung, angebliches Made in Germany und Mega-Rabatte locken

In den letzten Wochen bin ich bei Facebook mehrfach von Werbung für ganz besondere Uhren penetriert worden. Optisch grundsätzlich ansprechende Uhren, die zu einem Schnäppchenpreis von einem Händler verkauft werden: Das Modell Casablanca verkaufe sich typischerweise 1.670 US-Dollar, nur jetzt aber für reduzierte 349 US-Dollar! Dem Schnäppchen aus dem Weg zu gehen hieße sich eine Ersparnis von weit über 1.000 US-Dollar entgehen zu lassen!

© Facebook

Auf den ersten Blick wirken die Uhren ansehnlich, doch dem Kennerauge fallen sofort die Details auf, die die Herkunft von Werk und Bestandteilen zeigen: China. Angeblich sind die Uhren aber alle „Made in Germany“. Ich beginne ein wenig zu recherchieren, was sich hinter den angeblich deutschen Marken mit langer Tradition verbirgt.

„Made in Germany“? Das Uhrwerk zumindest ist ein Unitas-Klon, produziert von Hangzhou und unter anderem bei PTS Ressources erhältlich. © Hersteller über Facebook

Der Sitz des Unternehmens, das offiziell als reiner Händler der beiden Marken Theorema und Pionier auftritt, ist in den USA. Tufina Watches residiert in einem Bürokomplex in Evanston, Illinois. Das Gebäude ist gemeinhin dort als Orrington Plaza bekannt und beherbergt eine Vielzahl von Unternehmen. Neben dem schwunghaften Uhrenhandel sitzt in derselben Suite auch ein Unternehmensberater, die Cadent Consulting Group, die sich vor allem im Marketing für Konsumgüter betätigt. Es scheint, dahinter steckt ein Briefkasten, der nichts bezweckt als den schnellen Abverkauf der angeblichen Markenuhren. Und der läuft: Alleine die Facebook-Fanpage verfügt über mehr als 350.000 Follower und eine aktive Community, die der angeblich deutschen Herkunft der Marken komplett auf den Leim geht. Oder kommen die Uhren am Ende doch aus Deutschland, und die Gründerfamilie hat hier eine Uhrmachertradition?

Website-Screenshot von Theorema Watches: Dreister Jaeger-LeCoultre-Klon, der von anderen „Herstellern“ für 60 Euro über eBay zu kaufen ist. © Hersteller

Auf der Website des Shops findet sich kein Hinweis auf einen deutschen Sitz, wohl aber bei den Marken selber. Auf Theoremawatches.com ist im Impressum ein Herr Enis Tufina, wohnhaft in Grünwald bei München, verzeichnet. Auch auf der Seite von Pionierwatches.com ist diese Person zu finden. Ein nächster Rechercheschritt ist das deutsche Markenregister, geführt durch das Deutsche Patent- und Markenamt. Eine Recherche dort ist kostenlos und einfach.

Tatsächlich wurde 2007 versucht, dort auch die Marke Tufina einzutragen – durch Enis Tufina, mit einer Anschrift im norddeutschen Wasbek. Der Versuch scheiterte aufgrund eines Widerspruches. Bereits vorab, 2004, wurde die Marke Theorema für die Schutzklassen 14, 16 und 18 (Uhren und Schmuck, Schreibwaren, Lederwaren) eingetragen. 2005 folgte der Eintrag von Pionier. Soviel also zu jahrhundertealter Tradition.

Gescheiterter Markeneintrag von Tufina: Dahinter immer dieselbe Person. © DPMA

Hinter dem angeblichen Retail-Shop sowie den beiden Marken steckt eine Person: Enis Tufina. Die Uhren selber, die für 349 US-Dollar noch immer deutlich zu teuer sind, stammen aus gängigen Fabriken in China. Vergleichbare Modelle können ab 100 bis 300 Stück mit eigenem Namen ausgestattet werden und kosten teilweise weniger als 20 US-Dollar. Das Modell Casablanca verfügt über ein Uhrwerk, das in China von Hangzhou Watch produziert wird.

Die bittere Wahrheit: Alibaba.com verzeichnet die chinesischen OEM-Hersteller solcher Ware. Ab 17,50 USD können vergleichbare Uhren zu der Qualität von Theorema und Pionier dort bestellt werden. © Alibaba / Shenzhen Ruby Watch Co., Ltd.

Auch die anderen Uhrwerke, die ich mir genauer angesehen habe bei Theorema und Pionier stammen komplett aus China. Mir ist schleierhaft, wo die deutsche Wertschöpfung für „Made in Germany“ stattfindet? Ist es das Design, oder eine umfassende Qualitätsprüfung? Weder unter der Adresse in Grünwald noch der in Wasbek ist eine Uhrenmanufaktur zu vermuten. Während in Wasbek ein Einfamilienhaus mit gelb-weißer Markise über der Terrasse zu finden ist, kann man sich in der Südlichen Münchner Str. 24 in Grünwald mit Dessous eindecken, oder wahlweise einen Immobiliendeal abwickeln.

© Hersteller

Meine Anfrage auf Facebook an die Betreiber der Tufina-Fanpage wurde mit dem Hinweis beantwortet, man sei nur Händler, nicht Hersteller. Die Personengleichheit allerdings lässt den Schluss zu, das hier ein cleveres Vertriebskonstrukt entwickelt wurde, was im Augenblick vor allem Kunden in den USA und anderen Ländern leimen soll, die tatsächlich an eine wertige Herkunft „Made in Germany“ glauben….

2 Comments

  1. Yeah, das seh ich auch immer auf Facebook. prüft denn keiner nach, wer wo made in Germany drauftextet?!

  2. Es herrscht zumindest unter seriösen Kaufleuten und Herstellern in Deutschland der Grundsatz von „ Firmenwahrheit“ und „ Firmenklarheit“. Wenn dieses nicht gegeben ist… Finger weg

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