Versuchung Vintage-Uhrwerk

Würde ich eine neue Uhr mit einem alten Uhrwerk kaufen?

Vor zwei Jahren bekam ich über mein Netzwerk in der Uhrenbranche einen Hinweis, dem ich unbedingt folgen musste. In einem Schweizer Lager sollten mehr als 200.000 alte Uhrwerke schlummern und darauf warten, wieder wachgeküsst zu werden. Es dauerte ein paar Monate, ehe ich tatsächlich einen Blick auf die Werke werfen durfte. Bewacht werden Sie von einem echten Kurator – ein Uhrmacher alter Schule, der in früheren Zeiten für alle führenden Hersteller Uhren montierte und während der Quarzkrise in der Schweiz alle unbenutzten Uhrwerke sammelte, die er bekommen konnte.

Den ersten Blick in das Lager werde ich nie vergessen – fein säuberlich gestapelte Boxen mit Werken von Peseux, Tissot, Felsa, Omega, Unitas und vielen weiteren Schweizer Herstellern der ersten Garde. Was viele in Zeiten von ETA, Selitta und LaJoux Perret vergessen haben: es gab bis in die 1980er Jahre weit mehr Werkehersteller als heute, die in diesem Lager als NOS-Ware (New Old Stock) überlebt haben.

Das Felsa 4007 mit 25 Rubinlagern. © Thomas Gronenthal

Was aber macht ein Vintage-Uhrwerk aus? Uhrwerke waren früher vor allem für eines gebaut: Langen, präzisen Dienst – weder aufwendige Schliffe noch gebläute Schrauben hatten darauf einen Einfluss. Eher groß dimensionerte Unruhen, effiziente Aufzugsmechanismen und gnadenlos gute Funktion über Jahre. Zudem steckt in jedem der Werke einiges an Engineering, während heute in erster Linie Computer über ein Uhrwerk nachdenken. Es war noch nie so simpel, ein neues Uhrwerk oder ein optisch verfremdetes, später als Manufakturwerk deklariertes, Machwerk zu erzeugen.

Das Geheimnis des beidseitigen Aufzugs sind die beiden kleinen Zahnräder in der Mitte, die je nach Drehrichtung des Rotors die Aufzugsrichtung der Zugfeder angleichen. © Thomas Gronenthal

Ich habe zu einer Veranstaltung ein paar Bilder des Felsa 4007 gemacht – und nutze das Werk als Demonstration, zu was Vintage in der Lage ist. Optisch ist das Werk ansehnlich, aber gänzlich unverziert. Was wir heute mit Qualität verbinden – Genfer Streifen, Perlage und blaue Schrauben – hat hier nichts verloren. Warum auch – Schliffe waren zunächst in Taschenuhren dazu da, Staub auf den Brücken zu binden. Der optische Nutzen kam erst weit später auf. Daher ist das Felsa 4007 eher nackt, aber technologisch interessant. Felsa als Fabrik wurde erst 1918 gegründet, ist also eher ein junges Unternehmen. Dennoch nahm es schnell eine Ausnahmeposition innerhalb der Hersteller ein. Dazu führte vor allem Friedrich Meyer, der als Entwickler eine Vielzahl von Patenten für sich verbuchen konnte. Während Rolex den automatischen Aufzug über einen umlaufenden Rotor erfand, konterte Felsa mit einem Rotoraufzug, der durch einen Wippenwechsler beidseitig arbeitet. Der „Bidynator“ wurde schnell von Breitling, Dubey Schaldenbrand und anderen führenden Uhrenmarken verwendet. Das 4007 ist ein Werk, das in den späten 50er Jahren diese Tradition fortsetzt. Der beidseitige Aufzug ist einfach konstruiert und deswegen enorm robust. Während moderne Klinkenräder nach fünf bis zehn Jahren verschlissen sind, hält der Wippenwechsler ein Leben lang. Zudem ist der Aufzug enorm effizient. Mit geruhsamen 18.000 A/h gehört das Felsa zu den klassischen Werken – was sich vor allem in langen Wartungsintervallen niederschlägt. Davon können viele Werke heute nur träumen – je schneller die Hemmung arbeitet, desto kürzer fallen die Wartungsintervalle aus.

Der Rotor ist mit zwei Rubinen auf einem Stahlstift gelagert – sehr reibungsarm und bei entsprechender Schmierung mit wenig Verschleiß. © Thomas Gronenthal

Wer jetzt vielleicht noch denkt, die Gangwerte seien bei einem alten Werk „vintagetypisch“: Jedes Uhrwerk – ob aus den 1940er Jahren oder aus 2005 – wurde für präzise Zeitanzeige entwickelt. Vintagetypische Gangwerte gibt es daher nur bei Uhren, die auf eBay im Angebot sind und auf dem Zahnfleisch laufen. Ein nagelneues Lageruhrwerk, das frisch geölt und präzise reguliert wurde, läuft innerhalb strengster Toleranzen. Das gilt auch für das hier vorliegende Musterwerk: Nach einer Behandlung mit modernen Moebius-Ölen lagen die Gangwerte auf der elektronischen Zeitwaage innerhalb der Toleranzen für offizielle Chronometer.

Das Werk platinenseitig – schmucklos, aber kugelsicher! © Thomas Gronenthal

Apropos – was passiert jetzt mit dem Schatz, diesen 230.000 historischen Werken? Tatsächlich hat nahtlos an den bisherigen Kurator nun der Schweizer Uhrenhersteller DuBois et fils das Ruder übernommen.

Präsentation des Uhrwerks während der Generalversammlung von DuBois et fils in Basel. V.l.n.r.: Thomas Steinemann, Pierre-Andre Schmitt, Daniel Philippson, „Watchthusiast“ Thomas Gronenthal © Sophie Steinemann

Thomas Steinemann, CEO der ältesten und ununterbrochen aktiven Uhrenfabrik der Schweiz, konnte sich den Zugriff sichern. Im kommenden Jahr wird zunächst eine neue Uhr mit dem historischen Felsa 4007 auf den Markt kommen – streng limitiert, denn der Schatz im Schweizer Kanton Fribourg ist endlich. Danach wird es keine Felsa 4007 mehr geben – außer natürlich der Menge, die für den After-Sales-Service zur Verfügung steht. Denn das Uhrwerk soll ein Leben lang oder länger halten!

Neben dem Felsa 4007 gibt es noch mehr interessante Uhrwerke in diesem Schatz! © Sophie Steinemann

Chronometerunruh, Incabloc-Stoßsicherung, verschraubte Spirale statt verklebtem Ende, Deckstein über dem Ankerrad: Ein solides und präzises Uhrwerk. © Thomas Gronenthal

Zum Abschluss die Frage von oben – würde ich eine neue Uhr mit altem Uhrwerk kaufen?

Ja. Denn neben Seele bietet die Uhr auch Einzigartigkeit, die so schnell keiner nachmachen kann. Und die Qualität vieler alter Werke liegt mehr als nur gleichauf mit dem, was aktuell in manchen Fabriken vom Band fällt.

Verschraubtes Incabloc-Lager platinenseitig – heute kaum noch zu finden, aber sehr gut im Service. © Thomas Gronenthal

4 Comments

  1. Auf der BaselWorld 2016 wurde bereits (hinter vorgehaltener Hand) von diesem Schatz gesprochen. Glauben wollt man das aber nicht wirklich oder nur sehr vorsichtig.
    Was für eine Freude, dass es nicht nur ein Gerücht war.
    Ich hoffe, der Markt nimmt diese neuen/alten Uhren an und die Mühe des Kurators hat sich gelohnt.
    Chapeau für den watchusiast dessen fantastischen Kontakte uns immer wieder an dieser Art von Informationen teilnehmen lassen

  2. Verstehe ich also richtig, das ein Vintage-Uhrwerk, das nie benutzt wurde, eigentlich gleichwertig zu einem modernen ETA-Kaliber nutzbar ist?

    • Thomas Gronenthal 6. Juli 2018 um 16:48

      Ja – die Qualität des Felsa 4007 ist ebenbürtig mit einem ETA 2824 oder 2892. Das Werk ist auf lange Laufzeit, Präzision und Funktion ausgerichtet – weniger auf Flachheit oder hübsche Schliffe.

  3. Damit kann NOS genutzt werden, ohne sich mit einer Uhr in unzeitgemäßer Größe abgeben zu müssen. So schön komplett alte NOS-Uhren auch sind – 34 mm sind einfach zu wenig. Interessant wäre natürlich noch, was in diesem Lager noch alles liegt….

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