Zurück ins Leben: Omega Kaliber 321

Ein Uhrwerk von 1940 bekommt ein zweites Leben als Luxus-Uhrwerk

Zu meinen Lieblingsthemen bei Uhren zählen Vintage-Uhrwerke, die zu besten Zeiten der mechanischen Uhr zwischen 1930 und 1980 gebaut wurden. Gelegentlich finden sich in versteckten Lagerstätten noch einige wenige Restbestände, die verwendet werden können – siehe dazu die Geschichte eines Werkfundes, den DuBois et fils mit meiner Hilfe gemacht hat.

Ein Großteil der aktuell noch produzierten Uhrwerke ist ebenfalls Vintage – die Konstruktionen der gängigen ETA-Werke wie das 2824, 2892 oder das Chronographen-Kaliber 7750 wurden in den 1960er und 1970er Jahren konstruiert. Mit einer kleinen Sensation begeistert nun Omega die Uhrenfans: Das Kaliber 321 kommt wieder. Berühmt wurde der Handaufzug-Chronograph, entwickelt von Lemania, zwischen 1957 und 1968 in der Speedmaster „Moonwatch“.

Das originale Omega 321 in einer Speedmaster Baujahr 1967. © Antiquorum

Geboren wurde das Uhrwerk bei Lemania, einem Chronographen-Spezialist, der 1918 in waadtländischen L’Orient von Alfred Lugrin als Lemania-Lugrin SA gegründet wurde. 1930 verbanden sich Omega und Tissot, und zwei Jahre später bereicherte auch Lemania dieses Konstrukt, das als „Société Suisse pour l’Industrie Horlogère“ (SSIH) in die horologischen Geschichtsbücher einging. In den 1940er Jahren wurde von Lemania das Kaliber 2310 entwickelt, ein schlankes Chronographenwerk mit Handaufzug, Schaltrad und einem 12-Stundenzähler. Die beiden Entwickler Albert Piguet und Jacques Reymond bauten ein Werk, das nicht nur als Omega 321 Verwendung fand. Neben Tissot setzte auch Patek Philippe das Kaliber ein und ergänzte den Chronographen um einen Vollkalender. 1968 ersetzte das Lemania 1872 mit seinen Variationen das 2310. Der Moonwatch genannte Omega Speedmaster Chronograph wird seitdem mit dem Handaufzugwerk Lemania 1873 ausgestattet.

Patek-Variante des Lemania 2310. © Hersteller

Die Neuauflage des Kalibers, das konstruktiv aus den 1940er Jahren stammt, findet in den HQ-Werkstätten von Omega in Biel statt. Ein kleines Team von Experten aus den unterschiedlichen Disziplinen entwickelte unter dem Codenamen „Alaska 11“ das neue alte Uhrwerk – ein Name, der auch schon in den 1960er und 1970er Jahren für die geheimen NASA-Projektuhren genutzt wurde. Die neue Konstruktion übernimmt das Design der zweiten Generation des 321, dessen Geschichte umfassend erarbeitet wurde.

Das neue Omega 321, das ab diesem Jahr in Biel montiert wird. © Omega

Laut Omega wurde auch ein originales 321 – aus der Speedmaster ST 105.003 des Astronauten Eugene „Gene“ Cernan – digital vermessen und untersucht. Die Uhr, die sich heute im Bieler Omega-Museum befindet, wurde von Cernan während der Apollo 17-Mission 1972 getragen.

Ein optischer Leckerbissen ist das neue-alte Kaliber 321! © Omega

Und hier fängt an, was die Uhrenbranche generell auszeichnet: Die Romantisierung von vergangenen Erfolgen. Letztlich wird ein längst entwickeltes und gereiftes Uhrwerk wieder in Produktion genommen – mit modernen Methoden, und basierend auf modernen CAD-Datensätzen. Das ist keine Kunst, sondern eine budgetschonende Alternative zu einer kompletten Neuentwicklung. Und die Fans weltweit können es kaum erwarten, das neue Uhrwerk in Aktion zu sehen.

Eines zeigt das Beispiel daher sicher: alte Werke sind kein altes Eisen. Sondern im Gegenteil erprobte Mechanismen, die auf hohen Ansprüchen an die Qualität basieren. Und trotz aller Innovationen, die auch Unternehmen wie Omega in Form co-axialer Hemmungen oder Siliziumspiralen auf den Markt bringen, zeigt das 321, das sich in fast 100 Jahren Uhrmacherkunst nichts wesentlich geändert hat. Daher können nicht nur Romantiker, sondern auch Realisten bedenkenlos zugreifen, wenn die neuen Kaliber 321 zu kaufen sein werden. Allerdings dürfte der Einsteigspreis für die neuen Uhren weit von dem weg liegen, was ein Kaliber 321 einst gekostet hat. Das ist der Wermutstropfen.