Omega Speedmaster: „The First Watch worn on the Moon“

Zwischen Schreibtisch und Sofa findet das Leben einer gewöhnlichen Armbanduhr am Handgelenk eines durchschnittlichen Trägers statt. Doch auf manche Uhr warten andere Herausforderungen – sie tauchen in große Tiefen, oder verlassen sogar unsere Erdatmosphäre. Die erste Uhr auf dem Mond – dessen rühmt sich die Omega Speedmaster. „The first watch worn on the moon“ ziert als Gravur den Gehäuseboden zahlreicher Speedmaster-Modelle. Für den normalen Uhrenträger zumindest ein kleiner Hauch Weltraum am eigenen Handgelenk.

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Speedmaster 1965: Die Legende ist schon fast zehn Jahre alt. © Antiquorum

Eine Uhr ist besonders der Raumfahrt verbunden – bis heute: Die Omega Speedmaster Professional. Deren erster Einsatz im All findet zunächst noch ohne Wissen des Herstellers oder der NASA statt. Am dritten Oktober 1962 nimmt der Astronaut Walter Schirra die zweite Auflage des Chronographen mit auf die Mission „Mercury-Atlas 8 “. Die Uhr wurde als Backup zur vorhandenen Borduhr verwendet – spezielle Tests im Vorfeld gab es keine, die Ein-Mann-Besatzung der Kapsel war noch nicht für Spaziergänge vorgesehen.

Die Speedmaster gibt es zum damaligen Zeitpunkt bereits einige Jahre: 1957 kommt der sportliche Chronograph auf den Markt – zunächst vorgesehen für alle schnellen Sportarten und sportliche Uhrenträger. Speed – Geschwindigkeit sollte beherrscht und gemessen werden können. Daher trägt die Uhr seit damals eine Tachymeter-Lünette, mit der die Geschwindigkeit gemessen werden kann. Während Walter Schirra 1962 bereits die Entscheidung der NASA vorwegnimmt, betreten 1962 zwei Mitarbeiter der NASA verschiedene lokale Juweliere in Houston, Texas. Sie wirken wie normale Uhrenkäufer und interessieren sich vor allem für sportliche Chronographen mit Handaufzug. Was die Uhren nicht absehen können: Sie werden das härteste Testprogramm der Welt durchlaufen, und sich damit qualifizieren. Es geht um einen Spaziergang auf dem Mond, den die NASA plant.

Gemini und Apollo heißen die folgenden Missionen der NASA, und erstmals wird auch ein Landgang geplant, der die Astronauten aus der Raumfähre führen wird. Die Bedingungen sind mehr als ungastlich – Temperaturschwankungen von mehr als 100 Grad Celsius werden zwischen Sonnenbestrahlung und Schatten erwartet. Uhren von Elgin, Benrus, Hamilton, Mido, Piccard, Omega, Bulova, Rolex, Longines und Gruen finden den Weg in die erste Testreihe der nationalen Raumfahrtbehörde der USA. Etliche der Kandidaten steigen bereits in der ersten Testreihe aus und werden durch Defekte aus dem Rennen zum Mond katapultiert – nur drei Chronographen setzen sich in die finale Testreihe durch: Rolex, Longines und Omega.

Sieger in der zweiten Runde

Dazu ordert die NASA am 29. September 1964 zwei Speedmaster-Modelle für die zweite – noch härtere – Testreihe. Neben dem Kaliber 321 – die Konstruktion wurde 1946 von Albert Piguet entworfen – tritt das Rolex mit dem Valjoux 72 an, in der Longines findet das Kaliber 13 ZN Einsatz. Die bevorstehenden Prüfungen sind hart: Neben Hochtemperaturprüfungen bis zu knapp 100 Grad Celsius stehen den Uhren auch frostige Stunden bevor, bis zu minus 18 Grad sowie verschiedene Tests bei schwankendem Luftdruck und verschiedener Luftfeuchte. Besonders hart sind die Schockprüfungen, bei denen die Uhren bis zu 40 G ausgesetzt wurden. Sechs dieser Schläge mit einer Dauer von je 11 Millisekunden müssen die Uhren überstehen, ebenso eine lineare Beschleunigung von einem auf 7,25 G innerhalb von 333 Sekunden – eine typische Startsituation für eine Mondrakete. Auch das Vibrationsverhalten wurde ebenso wie die Reaktion auf akustische Belastungen geprüft. Mit bis zu 10.000 Hertz werden die drei Final-Chronographen beschallt.

Es kann nur einen geben: Die Speedmaster gewinnt

Der erste März 1965 bringt die Entscheidung in Form der umfangreichen Auswertung des NASA-Testteams. Manche Testuhr – die jeweiligen Hersteller sind nicht überliefert – zerfiel in mehrere Teile, durch die Hitzeprüfungen verformten sich die Zeiger, Uhrgläser verließen ihren sicheren Sitz – und nur eine Uhr widerstand. Am Ende steht fest: die Omega Speedmaster gehört ab sofort zur festen Ausstattung der Crews aller bemannten Raumflüge, zunächst werden die drei Teilnehmer der Gemini Titan III-Mission mit den Uhren ausgestattet. Besonders hervorgehoben werden dabei die Genauigkeit, die Verlässlichkeit und die Einfachheit der Bedienung. Doch das erfährt Omega selber erst später – im Juni 1965 sehen aufmerksame Mitarbeiter die Uhr als Teil der Gemini 4-Mission auf einer Abbildung am Handgelenk von Edward White.

Ein Spaziergang auf dem Mond

Ihren Spitznamen „Moonwatch“ trägt die Omega Speedmaster nicht umsonst. Ist sie laut Aufschrift zunächst „flight-qualified by NASA for all manned space missions“, ändert sie am 20. Juli 1969 um kurz vor drei Uhr in der Nacht nach GMT-Zeit die Einstellung. Am Arm von Neil Armstrong verlässt die Speedmaster die Raumfähre und ist damit die erste Uhr auf dem Mond – „the first watch worn on the moon“. Mit der Seriennummer 046 ausgestattet, ist die damalige erste Monduhr heute im Museum des Kennedy Space Center in Florida zu bestaunen. Auch die anderen Besatzungsmitglieder trugen die „Moonie“, wie die Speedmaster Professional ebenfalls oft genannt wird.

Über die Jahre hat die Speedmaster von Omega einige Wandlungen erlebt – doch das Klassikermodell der Speedmaster Professional gehört noch als fester Teil zur Kollektion. Ausgestattet bis heute mit dem Chronographenwerk Omega 1861, basierend auf dem mit Handaufzugwerk Nouvelle Lémania 1873 entspricht die Uhr weitgehend dem historischen Original – bis hin zum Hesalith-Glas, das wegen seiner Schlagfestigkeit besonders schützt. Doch auch Klassikerkäufer bekommen auf dem Markt gute Ware zu teils fairen Preisen – gut erhaltene Modelle sind für 2.500 Euro erhältlich und datieren teilweise auf die 60er Jahre. Für das authentische Mondgefühl durchaus ein vertretbarer Einstiegspreis. Selbst defekte Exemplare werden durch den Omega-Service wieder auf Vordermann gebracht – die Kosten hierfür können allerdings auch um die 1.000 Euro betragen. Typisch für alte Modelle ist der Stretch in den Armbändern – die gefalteten Bandteile weisen Spannungsverluste auf.

Ein Mythos bleibt Realität

Im April 1970 wird die Omega Speedmaster erneut von der NASA geehrt und erhält den Snoopy Award, die höchste Auszeichnung der Weltraumfahrer. Die Apollo 13-Mission sollte ein entscheidender Schritt für die NASA werden – bis einer der Astronauten ein Problem an die Erde durchgab. „Okay, Houston, we’ve had a problem here“ sind die ersten Worte von John Swigert nach der Explosion eines Sauerstofftanks. Der Rückflug aus dem Orbit ist kompliziert, da etliche Instrumente durch Kollateralschäden ausgefallen sind. Doch die Omega Speedmaster erfüllt ihre Aufgabe und dient als Navigationshilfe für die Besatzung der Kapsel, die heil zur Erde zurückkehrt.

1978

Aus dem Jahr 1978: Keine Änderungen im Design. © Antiquorum

Im Jahr 1978 entscheidet die NASA erneut, Uhren für den Weltraumeinsatz zu prüfen. Wieder gewinnt die Omega Speedmaster und wird als offizielle Uhr für das Spaceshuttle-Programm ausgewählt. Ende der 90er Jahre wird die Speedmaster modern und entdeckt die Multifunktion im Weltraum: Mit der X-33 zieht die Digital- und Analoganzeige auf dem Zifferblatt ein. Die russische Weltraumstation MIR wird als Testlabor für den Chronographen auserkoren – die X-33 wird von der NASA und der russischen Roscosmos für flugtauglich erklärt. Bis heute darf jedoch nur eine Uhr mit offiziellem Segen im Weltraum von Bord gehen: Die Omega Speedmaster Professional mit Handaufzug. Versionen mit Automatikwerk erweitern seit einigen Jahrzehnten das Programm der Speedmaster-Kollektion. Einerseits stellten Modelle mit Valjoux 7750 und 7751 sogar die Mondphase zur Verfügung – doch richtige Moonwatch-Freunde akzeptierten diese Uhren nicht. Dementsprechend sind die Preise günstig – deutlich unter 2.000 Euro liegen diese Modelle aus den 90er Jahren und später. Ebenfalls günstig und nahezu authentisch im kleineren Gehäuse mit Hesalithglas ist die Speedmaster „Reduced“, die mit einem Modulkaliber auf Basis des ETA 2890 aufwarten kann. Mit etwas Glück liegen die Einstiegspreise bei gebrauchten Modellen unter 1.000 Euro. Mit Sonderserien zollte Omega zudem immer auch dem ursprünglichen Einsatzzweck der Uhr Respekt: Speed und dessen Messung. Mit einer Sonderserie für Omega-Markenbotschafter Michael Schumacher hielt der Rennsport massiv Einzug. Rote oder gelbe Zifferblätter demonstrierten Dynamik – und Ferne zum Mond. Für 1.500 Euro sind sehr gut erhaltene Modelle dieser Serie zu bekommen – warum denn zum Mond fliegen, wenn man auch am Boden fliegen kann?

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