Baselworld 2019: Ich war mal wieder da

Von 1.200 auf nur noch 500 Aussteller

Die Presse wie auch Internetforen überschlugen sich im Vorfeld der diesjährigen Basler Messe mit zahlreichen Abgesängen – wie eigentlich jedes Jahr. 2018 zählte auch ich zu den Messeverweigerern, aber in diesem Jahr konnte ich nicht wiederstehen. Bei nur 500 Ausstellern bestand immerhin die Chance, bei allen mal einen Blick auf die Neuheiten werfen zu können.

Halle 1 mit Blick auf das neue Pressezentrum. © Thomas Gronenthal

Wegen des Andrangs bestand sicher keine Gefahr: „Don’t crack under pressure“ © Thomas Gronenthal

Der erste Schritt als Journalist und Blogger führt in den neuen Pressebereich, der diesmal offen in Halle 1 integriert ist. Perfekte Lösung – man ist direkt in der Halle, und der nicht von Ständen beispielsweise der Swatchgroup besetzte Platz ist gut genutzt. Die erste Hälfte der Halle ist zudem fast wie immer: TAG Heuer, Hublot, Patek Philippe und Rolex im Gespann mit Tudor. Bis hin zu Breitling noch Dienst nach Vorschrift – wobei, da ist ein riesiges Breitling-Restaurant gewachsen, wo sich in den Vorjahren noch andere Brands auf den teuren Quadratmetern breit machten.

Gelungen: Die Breitling Airline-Modelle, benannt nach der PAN-AM und anderen. © Thomas Gronenthal

Davon gab es noch zwei. Yeah, und wieder 25 Quadratmeter dicht! © Thomas Gronenthal

Patek baut immer noch tolle Uhren, bei TAG Heuer gibt man sich immer noch Mühe, under pressure not zu cracken (einer der deppigsten Slogans, die ich kenne), und Breitling hat endlich auch den Vintage-Zug in voller Wucht abbekommen. Und dabei kommen sogar schöne Uhren auf den Markt – die Wiedergeburt der Ref. 806 oder die Airlines gewidmeten Uhren sind schön. Revolutionen finden natürlich auch dieses Jahr wieder bei Rolex statt, die GMT-Master kommt ab sofort nur noch am Jubilee-Band, aber sonst dreht sich die Erde weiter in dieselbe Richtung. Im hinteren Teil der Halle 1 noch eine Überraschung: Drei Modelle von Porsche stehen hier – auch eine Methode, den Platz zu füllen.

Schön, klassisch und mit Geschichte: Die Uhren von Allemano. © Thomas Gronenthal

© Thomas Gronenthal

Ich aber suche lieber noch weiter, ob ich nicht etwas finde, was normalerweise unter die Räder käme. Und ja, ich stolpere über Allemano. Die Uhren kommen aus Turin, das Design basiert auf Messinstrumenten – und genau die produziert Allemano seit 1865. Erst vor wenigen Monaten kam die Idee auf, dieses Design auf Uhren zu übertragen. Zum Einsatz kommen Werke von ETA und Selitta, die Qualität ist sehr gut und endlich mal ein Design, das nicht an jeder Ecke zu finden ist. Preislich gehen die Uhren bei ca. 1.800 Euro los – für das Gebotene ein sehr fairer Preis.

Gewölbter Boden, Selitta SW 200: Auch von hinten chic. © Thomas Gronenthal

Top Einsteiger: Saphirglas, Edelstahl, aufgesetzte Indexe und Seiko NH35-Werk: Das ist für nicht einmal 200 Euro ein tolles Angebot für Einsteiger in die Mechanik. © Thomas Gronenthal

Made in China – aber mit Qualität

Mein nächster Weg führt mich in eine andere Richtung: Nach China. Die Marke Fiyta – gesprochen „Fiyata“ – kommt aus China, und ist einer der größten Uhrenhersteller überhaupt in Asien. 1987 wurde das Unternehmen gegründet, seit 2011 ist Fiyta sogar auf der Basler Messe vertreten. In der westlichen Welt kennt kaum einer die Uhren, in Asien hingegen gehören die Modelle zur soliden mittleren- bis oberen Preisklasse. Und tatsächlich verfügt Fiyta über interessante Modelle. Angefangen von einer Einsteiger-Kollektion, die für 179 Euro ein Gehäuse aus Edelstahl, Saphirglas und ein Seiko NH35 bietet, bis hin zu einem Fliegerchronographen mit einem ETA 7750, der dann allerdings auch über 2.000 Euro kostet.

Keramik-Lünette, massives Edelstahlband und 60 Stunden Gangreserve: Eine schöne Uhr. © Thomas Gronenthal

Besonders gefallen haben mir die Uhren mit Miyota-Werk, bei dem Fiyta auch konstruktiv eingegriffen hat und die Gangreserve auf 60 Stunden angehoben hat. Neben den gebläuten Schrauben, die man beim Miyota eher selten sieht, eine wirklich interessante Alternative in der Preisklasse unter 1.000 Euro. Die Verarbeitung von Gehäuse, Zifferblatt und Bändern ist zudem hochwertig und gefällig. In wenigen Tagen ist meine Review der Fiyta Photographer fertig – mit einem ausgiebigen Test.

Fiyta-Fliegerchrono für die chinesischen Weltraummissionen. ETA 7750, AM/PM-Anzeige, Keramiklünette und Titangehäuse. © Thomas Gronenthal

Bei Bulova, heute Teil der Citizen-Gruppe, stolpere ich über die sehr schönen Vintage-Varianten der Snorkel, einer klassischen Taucheruhr in schönen Farben der wilden 60er und 70er. Daneben zeigt Bulova eine weitere neue Version der Accutron. Die in den 60er Jahren mit der Stimmgabel-Technik geborene Uhr wird heute mit einem Präzisions-Quarzwerk angetrieben. Geblieben ist der flüssig laufende Sekundenzeiger: Eine faszinierende Technik. Einen direkten Konkurrenten zur Snorkel finde ich bei Doxa: Die SUB 200, ebenfalls die Wiedergeburt einer klassischen Taucheruhr, sogar mit einem Reiskorn-Band (Beads of Rice).

Bulova Oceanographer Snorkel mit Miyota-Automatic. © Thomas Gronenthal

Die Doxa SUB200: Auch eine gelungene Neuinterpretation. © Thomas Gronenthal

Als nächstes steht D1 Milano auf meiner Liste – wie der Name schon sagt eine italienische Marke. Das Design der Uhren erinnert nicht ohne Grund an die großen Klassiker von Gerald Genta wie die Audemars Piguet Royal Oak, und sieht nicht nur sehr gut aus, sondern trägt sich auch so. Die durchaus bezahlbaren Uhren verströmen mehr Luxus, als das Preisschild einem weh tut. Ebenfalls neu ist der Chronograph mit einem Seiko-Quarzwerk, der neben großer Präzision immerhin auch einen mechanischen Teil zu bieten hat. Die Rückstellung der Zeiger erfolgt tatsächlich über Nocken, während der Stoppsekundenzeiger sogar in Halbsekundenschritten läuft und so einen mechanischen Reiz auslöst.

Edles Design, japanisches Automatikwerk, und ein sympahisches Preisschild um die 500 Euro: D1 Milano. © Thomas Gronenthal

Hotel-Subkultur rund um die Messe

Formex Essence: Das Zifferblatt mit seinen scharfen Kanten ist zwei Klassen über dem Preisschild angesiedelt – sehr hochwertig. © Thomas Gronenthal

Interessant: Rings um die Messe hat sich eine enorme Subkultur entwickelt. Das Swissotel und auch das Hotel Hyperion am Messeplatz waren voll mit Marken belegt. Alleine im Hyparion residierten an die 60 Brands, darunter Moser, Blaken, und auch Formex. Diese Marke hat es mir angetan – denn die Qualität der Uhren ist enorm. Die neue Essence, die auch mit Stahlband zu haben ist, bietet viele kluge Details, die so nirgends sonst zu finden sind. Dazu zählt die intelligenteste Form der Armbandverlängerung mit einem kleinen Klappglied, das sich unsichtbar integriert. Ich habe noch nie eine Armbandverlängerung bei einem Band mit verdeckter Faltschließe gesehen: Respekt vor der Entwicklungsarbeit!

Formex: Schnellverschluss an der Uhr. © Thomas Gronenthal

Mit dem Background einer kompletten Familie, die Fabriken für Zifferblätter und Uhrenkomponenten besitzt, kann man die Marke von Raphael Granito allerdings auch nicht mehr als Microbrand bezeichnen. Das für das Geld gebotene ist aber definitiv einen Kauf wert, eine bessere Uhr für alle Abenteuer des täglichen Lebens gibt es kaum.

Bei Blaken werfe ich einen Blick auf die schönsten Rolex-Modelle, die Rolex nie gebaut hat. Tatsächlich gefallen mir vor allem die Vintage-Modelle ausnehmend gut, und die Verarbeitung der Individualisierungen ist sehr gut. Wer also aus der Masse herausstechen will, sollte sich eine Individualisierung seiner Rolex oder anderen Luxusuhr überlegen. Mehr dazu auch in diesem Artikel, der auch in der Schweiz in der Gold’Or abgedruckt wurde.

Eine moderne Rolex Daytone im Look einer Paul Newman aus den 60ern: Das Design macht die Uhr zu einem Modell, was Rolex dringend selber bauen sollte. © Thomas Gronenthal

Auch ein Traumstück: Die Daytona mit blauem Blatt von Blaken. © Thomas Gronenthal

Nich beirren lassen: Das Zifferblatt zeigt 24 Stunden an. Dieses Uhrwerk baut Raketa selber, bereits seit Jahrzehnten. © Thomas Gronenthal

Neu war in diesem Jahr ein Watch Incubator, der durch kleine Marken aus aller Welt gut gefüllt war. Mit Raketa war auch eine russische Marke dabei – interessante Uhren, die aber in einer Preisklasse jenseits der 1.000 Euro irgendwie fehl am Platz sind. Zwar sind die hauseigen produzierten Werke schön verziert, und die Qualität gut, aber solange eine Raketa auf eBay für unter 100 Euro gehandelt wird – wenn auch Vintage-Uhren – so sehe ich hier noch nicht das Potential einer Luxusmarke. Zumal auf dem russischen Heimatmarkt im Nobelsegment immer eher westliche Ware gekauft wird.

Besonderes Aufsehen bei mir erzeugte „Riskers“. Die Uhrenmarke machte im Vorfeld der Messe Termine mit Bloggern und Medien, hatte aber weder eine Uhr noch sonst etwas zu zeigen. Zehn ehemalige Richemont-Manager haben sich verselbstständigt und mit Riskers echt was riskiert. Vor allem eben, vor die Presse zu treten und außer einer Philospohie und einem Eispickel auf dem Tisch nichts zu bieten zu haben… Einen 3D-Druck immerhin gab es zu sehen, und auch ein paar Zeichnungen, die dann tatsächlich Lust auf mehr machen. Es könnte was sein – obwohl ich sehe, das viele vom „next big thing“ träumen, ohne es zu liefern….

Haute Horlogerie: Romain Gauthier

Für die Haute Horlogerie habe ich einen Blick auf die Uhren von Romain Gauthier geworfen. Die filigranen Uhrwerke räumen mit mancher Tradition auf – neben einem Backwinder bietet Gauthier als Meisteruhrmacher auch eine Uhr mit Kette und Schnecke, die über einen Drücker an der Gehäuseflanke aufgezogen wird. Der feine Mechanismus ist technisch perfekt ausgeführt, und man ertappt sich dabei, alle paar Stunden den Drücker zum Aufzug zu betätigen. Hinzu kommt, dass die Uhren mit stets konstanter Kraft laufen – Gangschwankungen gehören damit der Vergangenheit an. Das Preisschild: Nun ja, 100.000 Franken und mehr muss man schon berappen.

© Thomas Gronenthal

Man könnte auch den Boden nach oben tragen: Romain Gauthier Prestige HMS in schwarz gefärbtem Titan. © Thomas Gronenthal

Alles im Wandel

Insgesamt ist spürbar, das die Messe im Wandel ist. Bedeutend weniger Menschen drängen sich in den Hallen und auf dem Vorplatz, und mit Ausnahme der ersten Hälfte der Halle 1 ist es wirklich luftig auf der Baselworld. Die Gespräche waren aber wie immer gut, wobei ein Großteil davon in den umliegenden Hotels stattfand. Wie man hörte, kostet ein Sitzungsraum im Hyperion immerhin auch fast 20.000 Franken für die gesamte Messe. Im Vergleich zur Baselworld selber aber ein Kleinbetrag. Es ist die Frage, wie man in Zukunft Messe und Subkultur wieder vereinen könnte – zum Wohle aller.

Auf dem oberen Stock der Halle 1 war dann schon weniger los…. Ein Bild vom Freitag. © Thomas Gronenthal

Das am letzten Messetag vorgestellte Konzept 2020+ zeigt zumindest, das die breite Öffentlichkeit in Zukunft einen breiteren Raum einnehmen soll. Das war zwar eigentlich immer schon so – Publikum ist bisher auch zugelassen – soll aber forciert werden. Schau’n mer mal, sagte ein großer Philosoph des Ballsports einmal!

Allemano mit Selitta SW200. © Thomas Gronenthal

Bloggerkollege (www.zehnvorzwei.de) und langjähriger Chefredakteur des UHREN-MAGAZIN, Thomas Wanka, untersucht die Uhren von Formex. © Thomas Gronenthal

Raketa Re-Edition einer Uhr aus den 1970er Jahren mit Scheibenanzeige. © Thomas Gronenthal

Rolex by Blaken: Die Pink Lady für selbstbewusste Taucher. © Thomas Gronenthal

Fiyta mit Miyota-Uhrwerk, Gangreserve 60 Stunden und gebläute Schrauben. © Thomas Gronenthal

Die geniale Formex-Faltschließe der Essence mit integrierter Verlängerung. © Thomas Gronenthal

Manufaktur Made in Russia: Das Raketa-Automatikuhrwerk. © Thomas Gronenthal

Auch chinesisch: Jubiläums-Tourbillon von Fiyta. © Thomas Gronenthal