Rolex Milgauss: Keine Angst vor Magnetfeldern

Legendäre Uhr für Forscher und Ingenieure

Den wenigsten Trägern einer mechanischen Uhr ist klar, welche Gefahren im Alltag für den empfindlichen Mechanismus drohen. Tatsächlich stehen Magnetfelder an der Spitze der Ursachen, die für vorübergehende Gangeinflüsse sorgen. Heute sind es eher Magnetverschlüsse, Tablets, Smartphones, Lautsprecher in der Autotür oder Mikrowellen und Induktionskochfelder. Die Milgauss hingegen war geplant für Ingenieure und Techniker, Naturwissenschaftler und bestimmte Ärzte, die während ihrer Tätigkeit starken Magnetfeldern ausgesetzt sind. Schon seit den 1920er Jahren beschäftigten sich die Uhrenhersteller deshalb mit der Frage, wie ein Uhrwerk gegen den Einfluss von Magnetkräften abgeschirmt werden könne. Und tatsächlich wurden antimagnetische Eigenschaften bald zu einem Kriterium für hochwertige Uhren – nicht selten mit der Prägung „Antimagnetic“ auf dem Gehäuseboden. Eine magnetische Flussdichte von 50 bis 100 Gauß kann die Genauigkeit einer mechanischen Uhr beeinträchtigen.

Erstzeit-Milgauss am lässigen Leder-NATO. © Sotheby’s

Entwickelt wurde die Rolex Oyster Perpetual Milgauss allerdings, um auch weitaus stärkeren magnetischen Störeinflüssen reibungslos zu funktionieren. Der Name ist daher Programm: das französische Wort mille für Tausend und die Maßeinheit der magnetischen Flussdichte Gauß ergeben das Kunstwort Milgauss. Benannt ist die Einheit nach Johann Carl Friedrich Gauß, 1777 – 1855, einem deutschen Mathematiker, Statistiker, Astronom, Geodät und Physiker.

Eine Erstzeit-Milgauss der Referenz 6541. © Rolex SA

Getestet im CERN

Der Injektor von CESAR, einem Projekt des CERN: Hier tritt eine hohe elektromegnatische Belastung auf. © CERN PhotoLab

Rolex selber nannte die Entwicklung die Uhr des technischen Fortschritts und der Wissenschaft. Zahlreiche Details zeigen bis heute die strikte Ausrichtung der Milgauss: So müssen die Uhrenträger bis heute auf eine Datumsanzeige verzichten. Das hat auch einen Grund: Zwar ist heute auch das Basiswerk der Milgauss in hohem Maße unempfindlich, der maßgebliche Schutz erfolgt allerdings durch einen Weicheisenkäfig, der das Uhrwerk umschließt. Und dazu gehört auch das Zifferblatt. Neben dem Zifferblatt sind der Werkhaltering sowie ein eingelegter Boden aus dem speziellen Material, das magnetische Wellen nicht durchlässt. In den 1950er Jahren wurde an prominenter Stelle getestet, ob die Milgauss auch Wort hält. Niemand geringeres als das CERN, die Europäische Organisation für Kernforschung, nahm die Prüfung der Uhr vor. Sie bestand. Die dortigen Techniker und Forscher trugen die Rolex Milgauss zudem im Arbeitsalltag.

Die Referenz 1019 mit glatter Lünette und ohne Blitzzeiger. © Uli Kriescher, Uhrmacher und Spezialist für Vintage-Rolex

Der Sekundenzeiger in Blitzform war von Beginn an neben der klaren Formensprache das Erkennungsmerkmal der Milgauss. Anfang der 1960er-Jahre allerdings kam ein neues Modell mit diversen Modifikationen auf den Markt, unter anderem wurde der Sekundenzeiger wieder gerade. Den Verkauf kurbelte es aber nicht an, 1988 wurde die Milgauss aus dem Rolex-Programm gestrichen. Den Preisen am Gebrauchtmarkt tat das in der Rückschau nur gut. Gebrauchte Erstzeitmodelle kosten mehr als 20.000 Euro je nach Zustand, einige Referenzen noch deutlich darüber. Die bekanntesten Referenzen sind die Modelle 6541 mit drehbarer Lünette und Blitzzeiger, und die Referenz 1019, die einen gerade Zeiger und eine glatte, nicht drehbare Lünette nutzte.

Das grüne Glas ist ein Erkennungsmerkmal der aktuellen Modelle. © Rolex SA

Die Milgauss kehrt zurück

2007 stellt Rolex auf der Baselworld die neue Rolex Oyster Perpetual Milgauss  mit der Referenz 116400 vor und greift auf das charakteristische Merkmal des gezackten Zeigers zurück. Zudem kommt ein wenig Farbe ins Spiel: Neben dem grün gefärbten Glas der Variante mit blauem und schwarzem Zifferblatt bekommt die neue Milgauss orangefarbene statt weiße Leuchtindizes bei 3, 6 und 9 Uhr. Hinzu kommt eine Variante mit weißem Zifferblatt und komplett orange gefärbten Leuchtindizes, die allerdings auf das grüne Glas verzichten muss. Diese Version ist nicht mehr im Angebot und zählt daher ebenso zu den seltenen Milgauss-Modellen.

2007 wurde auch diese Version mit weißem Blatt und orangenen Indexen präsentiert. Mittlerweile wird diese Version nicht mehr produziert. © Rolex SA

Parachrome Bleu

Die Parachrome Bleu-Spirale. © Rolex SA

In den 20 Jahren vor der Wiedergeburt der Milgauss hat Rolex einige Fortschritte gemacht, die weit über das Weicheisengehäuse innerhalb des Stahlmantels hinausgehen. Die hohe Widerstandsfähigkeit gegen magnetische Störeinflüsse betrifft heute mehr denn je auch das Uhrwerk, eine wichtige Rolle spielt dabei die im Jahr 2000 eingeführte Parachrome Bleu-Spirale. Sehr stoßsicher und magnetischen Störungen gegenüber absolut unempfindlich, sorgt die neu entwickelte Spiralfeder dafür, die Regelmäßigkeit der Schwingungen und damit die Präzision der Armbanduhr noch deutlich zu verbessern. Aktuell sind zwei Modelle im Angebot von Rolex, beide tragen das charakteristische grüne Saphirglas über einem schwarzmatten oder blauen Zifferblatt mit Sonnenschliff, genannt Z-Blue. 7.750 Euro müssen für eine Milgauss angelegt werden, sofern man eine bekommt. Denn auch bei diesen Modellen gilt das im Augenblick gängige Rolex-Problem: Eine beim Konzessionär kaufen zu können ist meist mit Wartezeit verbunden. Günstige Rolex Milgauss Modelle gibt es bei Online-Händlern wie Chronext, darunter auch mit etwas Glück die seltene und optisch sommerlich daherkommende Variante mit weißem Zifferblatt.

Eine Variante von 1959. Das Zifferblatt hat sich von schwarz zu schokoladenbraun verfärbt. © Sotheby’s

Die Rolex Milgauss eignet sich im Übrigen noch zu mehr als nur zu Arbeiten an Anlagen mit Magnetfeldern. Mit einer Wasserdichte von 100 Metern sind auch der Strand oder das Schwimmbad ideal. Das Kaliber 3131 erreicht eine phänomenale Ganggenauigkeit von -2/+2 Sekunden pro Tag und erreicht eine Gangreserve von knapp 48 Stunden. Das aktuelle Modell hat einen Durchmesser von 40 Millimetern und wird an einem Oysterband mit Oysterclasp-Faltschließe mit komfortabler 5-mm-Easylink-Verlängerung getragen. So wird aus der Milgauss eine Uhr für alle Lebenslagen – und hat meist eine magnetische Wirkung auf ihren Träger: Man will sie einfach nicht mehr ablegen.

tg

© Rolex SA

Eines der wenigen Modelle von Rolex, das eine Gravur auf dem Boden trägt.