Have a Wish: Die Plattform für Fakes, Plagiate und Schrott

Unkontrollierbar handeln Verkäufer auf Wish mit Plagiaten

Die Welt des E-Commerce hat sich massiv vergrößert – per Internet oder sogar per App kann man überall in der Welt shoppen und bekommt die Waren bequem nach Hause. Neben viel hochwertiger Ware sind auch Plagiate dabei – werden aber nicht als solche verkauft. Die Redaktion von Watchthusiast hat zwei Seiko-Uhren über die Shopping-App Wish bestellt. Zu dieser App hat auch die Verbraucherzentrale bereits Stellung bezogen – allerdings weniger wegen des Handels mit Plagiaten über die App, sondern wegen datenschutzrechtlicher und anderer Bedenken. Die Stiftung Warentest hingegen warnt auch vor den gefälschten Waren.

Das Modell Seiko Prospex SRPA21K1 wurde zusammen mit der Taucherorganisation PADI entwickelt. Die Professional Association of Diving Instructors ist ein amerikanisches Unternehmen, das weltweit Tauchausbildungen anbietet. Mit rund 6.200 Tauchbasen und 130.000 Mitgliedern in 183 Ländern ist es die weltweit größte kommerzielle Tauchausbildungsorganisation.

Die zweite Uhr ist eine limitierte Auflage, die gemeinsam mit Brian May – dem Leadgitarristen von Queen – kreiert wurde und seine legendäre Gitarre „Red Special“ ehrt. Die Lieferung der beiden Uhren, die zusammen knapp 100 Euro gekostet haben, erfolgt in kleinen blau-goldenen Schachteln – kein Hangtag, keine Garantiekarte und nichts weiteres sind beigelegt, obwohl all dies auf den Produktbildern zu sehen war und den Eindruck eines legitimen Sets zum außergewöhnlich guten Preis vermittelte. Der genaue Preis: 40,75 Euro für die PADI-Uhr, und 40,68 Euro für die Brian May-Edition. Hinzu kommen jeweils 15 Euro für einen Versand, der laut Beschreibung aus Deutschland stattfindet. Tatsächlich sind beide Uhren innerhalb einer Woche mit deutschem DHL-Label vor Ort – unter dem Etikett klebt allerdings ein anderes, das einen vorigen Versand auch einem anderen Land bezeugt.

In dieser formschönen Schachtel werden die Uhren von Wish geliefert. Das Ziel: Durch den Zoll kommen. © Thomas Gronenthal

Auf den ersten Blick erhärtet sich daher der Verdacht, der bereits bei der Bestellung auf der Hand lag: Es handelt sich um Plagiate von Seiko-Uhren. Die Tatsache bestätigt den Generalverdacht: Nichts ist sicher davor, gefälscht zu werden. Erstaunlich ist trotzdem die Mühe, die sich die Fälscher geben. Nicht nur bestehen beide Uhren aus Edelstahl, auch die Bänder verfügen über massive Glieder mit passender Faltschließe. Das Uhrwerk ist automatisch und verfügt über Tag, Datum, die Möglichkeit zum Handaufzug und Sekundenstop – passend, wenn es sich um ein Seiko-Kaliber der Baureihen 4R36 handeln würde. Beide Uhren haben einen verschraubten Boden und verschraubte Kronen. Die PADI-Uhr allerdings warf direkt nach Eintreffen ihre Krone ab. Die verschraubte Krone hatte sich geteilt – die schlechte Verarbeitung fällt auf. Auch auf der Zeitwaage wird schnell klar: Das ist keine Seiko. Beide Uhren laufen extrem schlecht. Vor- und Nachgang zwischen mehreren Minuten am Tag weisen auf das hin, was nach Öffnen des Gehäuses auffällt. Das Uhrwerk ist „Made in China“, ein DG2803. Und der Schmutz im Werk beider Uhren zeigt, das der Zusammenbau unter weniger hygienischen Umständen stattfand.

© Thomas Gronenthal

Bei der PADI-Prospex sind zudem auch Gehäuse- und Zifferblattdetails unpassend: Es fehlen die durchbohrten Bandanstöße, und auch die Lünette entspricht nicht dem Original. Auch die Farbe des Zifferblattes ist reichlich weit vom Original entfernt. Dennoch fühlt sich die Uhr für jemanden, der dieses Modell nicht genau kennt, vor allem durch das Gewicht und solide Armband wie eine brauchbare Uhr an. Das gilt auch für das Jubilee-Band der Brian May-Uhr: Es ist massiv und so verarbeitet, das ein Unterschied zu originalen Seiko-Bändern nur an Details auffällt. Dazu gehört der geprägte Schriftzug „Seiko“ auf der Schließe – er ist weniger geprägt als mehr gestampft.

© Thomas Gronenthal

Die mangelnde Liebe zum Detail fällt auch bei der Datumsanzeige auf: Tag und Datum liegen bei beiden Uhren nicht präzise auf einer Linie. Beim Abnehmen der Zeiger und des dünnen Zifferblattes fällt auch direkt der Grund auf. Beide Werke sind für die Kronenposition auf drei Uhr ausgelegt, nicht für vier Uhr. Seiko verwendet dazu spezielle Scheiben, die den Versatz einrechnen. Das wird in China nicht gemacht…

© Thomas Gronenthal

Bei der Brian May-Uhr stimmt mehr am Gehäuse, allerdings nicht der Boden. Das Original verfügt über einen Glasboden, den das Plagiat nicht bietet.

© Thomas Gronenthal

Die Gangwerte sprechen auch eine klare Sprache: Die Brian May-Variante rennt deutlich vor, während die PADI-Uhr mehrere Minuten nachgeht und auf der elektronischen Zeitwaage ein Gangbild mit extremen Schwankungen abliefert. Beide Uhren weichen je deutlich mehr als eine Minute am Tag ab. Beim Zerlegen des Werks finden sich Fasern, Öltropfen und Krümel – und als Bonbon klar erkennbare Fingerabdrücke auf den Uhrwerken. Jeder Forensiker hätte an diesen Uhren seine helle Freude!

© Thomas Gronenthal

Natürlich haben wir auch Seiko Deutschland um eine Stellungnahme gebeten – die im Kern das aussagt, was auch Fakt ist: „Wie bei so vielem bleibt zu sagen, wenn das Angebot zu verlockend scheint, sollte man lieber einmal mehr hinsehen.“

Hier das komplette Statement von Seiko:

„Leider beobachten auch wir immer wieder nicht autorisierte und unzuverlässige Anbieter, die Kunden betrügen, die unsere Produkte kaufen möchten. Viele dieser Anbieter verkaufen gefälschte Produkte oder nehmen das Geld der Kunden, ohne ein Produkt auszuliefern. Diese Seiten geben vor, rechtmäßig zu sein und verwenden häufig das Seiko Logo ohne Genehmigung und bieten Seiko Uhren zu erheblichen Rabatten an. Seiko ergreift Maßnahmen gegen derartige Anbieter, wann immer dies möglich ist – oftmals ist leider die Handhabe nicht sehr einfach (Betreiber von Plattformen sind nicht greifbar/Angebote werden entfernt und unter neuem Namen wieder eingestellt etc.). Daher empfehlen wir, sehr vorsichtig zu sein und sicherzustellen, nur von Händlern zu kaufen, die von Seiko autorisiert sind. Eine stets aktuelle Auflistung der von uns autorisierten Händler finden Sie auf der offiziellen Seiko Website www.seikowatches.com/de-de. Wie bei so vielem bleibt zu sagen, wenn das Angebot zu verlockend scheint, sollte man lieber einmal mehr hinsehen.“

So sollte das Original aussehen. © Hersteller

Es ist also Vorsicht geboten, wenn WISH oder andere Plattformen zum Kauf von Markenware genutzt werden. Leider tauchen diese Uhren immer öfter auf eBay auf, und werden dort zu guten Preisen versteigert. Und vor allem bei einer als „gebraucht“ verkauften Seiko dieser Preisklassen wundern den Verbraucher fehlende Papiere auch nicht. Am Ende erhält er eine Uhr, die auf den ersten Blick zu täuschen weiß – aber keinen Wert hat. Daher Augen auf beim Seiko-Kauf: Am besten beim Händler oder Online-Shops, die einen guten Ruf haben.

Die originale Brian May-Uhr von hinten. Gut zu sehen: Das Seiko-Kaliber 4R36. © Hersteller