Technik: Automatikuhr per Hand aufziehen

Gute Idee oder schlecht für die Technik?

Wer eine Automatikuhr besitzt, möchte vielleicht manchmal auch vom Handaufzug Gebrauch machen – als schnelle Kraftspende, als Starthilfe, oder um den persönlichen Stillstand über das Wochenende auszugleichen. Manch Spielkind mag auch einfach das Gefühl, an der Krone zu drehen. Wenn das Uhrwerk diese Möglichkeit bietet, warum also nicht nutzen? Oder sprechen technische Gründe gegen einen fleißigen Handaufzug einer Automatikuhr?

Um die Antwort vorweg zu nehmen: Die Aufzugsmechanik einer Automatikuhr ist nicht dafür ausgelegt, häufig im Handbetrieb beschleunigt zu werden. Ganz im Gegenteil, es können Schäden entstehen, die nur durch den Austausch der Teile zu beheben sind.

Gut zu erkennen ist die elliptische Lagerung des Kronrades links im Bild, das einerseits als Sperrklinke für die Automatik, aber auch als Aufzugsrad für den Handaufzug dient. Bei Handaufzug reibt das Stahlrad direkt auf dem weichen Material der Brücke – mit entsprechendem Abrieb. © Dirk Heil – Evergreenparts

Im Ölplan gut zu erkennen: Das Stahlrad verfügt über kein Zwischenlager. © ETA SA

Am Beispiel des ETA 2824-2 kann man gut erkennen, warum der Handaufzug keine gute Idee ist. Der Kraftfluss beim automatischen Aufzug beginnt beim Rotor, zwei Wechselräder sorgen dafür, das egal welche Drehrichtung der Rotor hat, der Aufzug in eine Richtung arbeitet. Dazu haben die zwei Doppelräder jeweils einen richtungsgebundenen Freilauf. Danach arbeiten zwei Räder als Zwischengetriebe und wirken am Ende direkt auf das Federhaus. Um die Kraft zu speichern und ein unkontrolliertes Ablaufen zu verhindern, wirkt das Kronrad als Sperrklinke. Belastet durch eine Feder mit einer mechanischen Sperrklinke rastet es über das Rad oberhalb des Federhauses. Beim Handaufzug des 2824 kommt die Kraft von der Krone und wird über das als Sperrklinke genutzte Rad übertragen. Dieses Rad allerdings ist ohne Zwischenring oder Lagerstein direkt auf der Federhausbrücke montiert. Eine Schmierung verhindert zu starke Reibung. Bei häufigem Handaufzug allerdings beginnt sich das Rad in die Brücke einzuarbeiten – mit der Folge, das irgendwann Späne das Werk lahmlegen und einen kostenintensiven Eingriff erfordern. Die zweite Schwachstelle sind die oben erwähnten Wechselräder. Bei automatischem Aufzug arbeiten diese mit geringer Umdrehungsgeschwindigkeit, bei Handaufzug allerdings drehen diese Räder deutlich zu schnell. Der Mechanismus leidet darunter.

Auch beim ETA 2892-A2 ist ein Rad auf eine Zapfen gelagert, ohne Lagerstein. Auch das Klinkenrad wird bei häufigem Handaufzug über Gebühr strapaziert. © ETA SA

Beim ETA 7750 ist ein Rad auf einem Zapfen gelagert. Auch hier droht Gefahr. © ETA SA

Dasselbe gilt für Automatikuhrwerke wie das ETA 2892-A2. Auch hier werden Bauteile beim Handaufzug übermäßig beansprucht, ebenso wie beim ETA 7750. Bei beiden Werken ist ein Rad im Aufzug ohne Lagerstein auf einem Zapfen der Brücke gelagert: Lässt die Schmierung nach, leiden die Zapfen unter den hohen Drehgeschwindigkeiten beim Handaufzug. Fast immer sind es die Wechselräder und Lagerungen für Aufzugsräder, die dabei am meisten Material lassen müssen und zudem stark verschmutzen. Die Reste sind oftmals dann im gesamten Uhrwerk auf Wanderschaft.

Gut zu erkennen der Verschleiss und die Verschmutzung an den beiden Aufzugsrädern beim ETA 7750. © Bernd Eckel, Mechanicus-Chronometrie

Generell gilt: Der Handaufzug eines Automatikwerkes ist dazu da, das Uhrwerk initial nach Stillstand in Gang zu setzen. Sobald die Uhr aus eigener Kraft die Arbeit aufgenommen hat, reicht die Bewegung völlig aus, um die Gangreserve zu erhöhen und das Werk sicher zu betreiben.

Bei Automatikwerken von Seiko sind der Magic Lever und das feinverzahnte Zahnrad in Gefahr von zunehmendem Verschleiss bei Handaufzug. © Seiko

Selbst Uhrwerke wie das Seiko NH35 und NH36 reagieren empfindlich auf übermäßigen Handaufzug. Hier ist ein feinverzahnter Mechanismus für den beidseitigen Aufzug verantwortlich – genannt „magic lever“. Bei Handaufzug kämmt die Verzahnung des magischen Hebels auf dem Zahnrad, das einigermaßen schnell rotiert. Auf Dauer leidet die Verzahnung und verschleißt.

Bei einem periodischen Service werden die kritischen Stellen eines Automatikwerkes gründlich gereinigt und neu geschmiert. Dabei wird klar: Ein Uhrwerk laufen lassen bis zum bitteren Ende ist nicht empfehlenswert, da bereits Schäden aufgetreten sein können, die im schlimmsten Fall bei einem Werk wie dem ETA 2824-2 eine neue Federhausbrücke erfordern. Und die kostet alleine zwischen 20 und 50 Euro, je nach Ausführung. Plus Lohnkosten sind die Kosten dann bereits so hoch, das auch fast ein neues Uhrwerk im Austausch dieselben Kosten erzeugen würde.

Insofern: Soviel Spaß es machen mag oder so nötig es erscheint – wenn ein Uhrenträger lieber per Hand kurbeln will, wäre eine Handaufzuguhr dafür die ideale Grundlage. Von der Automatik sollte aber die Hand gelassen werden – abgesehen von der kleinen Kraftspende zur Inbetriebsetzung. Dazu reichen in der Regel fünf Umdrehungen der Krone völlig aus.

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