OEM-Hersteller als Meisterfälscher

Der Alibaba-Chef Jack Ma spricht Klartext

Alibaba befördert pro Jahr mehr Waren als eBay und Amazon zusammen. Im Juni sprach der Gründer und CEO des chinesischen Online-Marktplatzes im Internet, Jack Ma, im Rahmen einer Konferenz im chinesischen Hangzhou seine Verdachtsmomente zum wachsenden Markt mit Plagiaten aus.

Er gilt als eine schillernde Lichtfigur der Geschäftswelt, Einladungen zu Konferenzen in den USA oder Europa sind keine Seltenheit in seinem Terminkalender. 1999 lieh er sich 60.000 Dollar von Freunden und schuf Alibaba, einen E-Commerce-Marktplatz für Unternehmen. Heute ist Jack Ma Multimilliardär, einer der reichsten Männer Chinas, und zudem der erste Chinese, der das Titelblatt des Forbes-Magazins zierte. Der Name seines Online-Marktplatzes stammt indes tatsächlich aus „Tausendundeine Nacht“ und steht für den Entdecker des Schatzes hinter einem Tor, das sich auf die Worte „Sesam öffne dich“ öffnet. Während des diesjährigen Global Smart Logistics Summit in Hangzhou, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Zhejiang, nimmt Ma Bezug zu gefälschten Markenprodukten. Auch Alibaba stand bereits mehrfach im Verdacht, den Herstellern von gefälschter Ware einen Marktplatz zu bieten. Zwar müssten Fälschungen verhindert werden, doch könnten die OEM-Hersteller mittlerweile das bessere Produkt zu einem wesentlich besseren Preis anbieten. OEM – ein Original Equipment Manufacturer – arbeitet im Auftrag großer Unternehmen und Marken und stellt die Produkte her. Für den Vertrieb und das Marketing ist der Auftraggeber verantwortlich.

Modemarken oft baugleich

Das dies auch im Uhrenbereich gilt, zeigen etliche Produkte aus China. Bei zahlreichen Uhren der unteren und mittleren Preisklasse sind die Unterschiede in der Qualität kaum messbar – das betrifft Modeuhren von italienischen Designerlabels ebenso wie mittelpreisige Markenuhren. Selbst in der Luxusklasse sind die Ähnlichkeiten in der Herstellung und Verarbeitung so frappierend, das ein gemeinsamer Produktionsstandort von Komponenten oder ganzen Uhren kaum ausgeschlossen werden kann. Laut Jack Ma hat vor allem das Internet den OEM-Anbietern neue Chancen eröffnet – denn so ist der weltweite Markt direkt adressierbar. Ein völlig neues Geschäftsmodell hat sich daraufhin entwickelt.

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Ein typisches Angebot – es könnte auch eine Daniel Wellington sein. Zumindest die Merkmale sind identisch, auch das verwendete Uhrwerk. Bei einer Abnahme von 100 Stück liegen die Kosten zwischen 15 und 30 US-Dollar pro Stück…..

Wenn ein OEM-Hersteller bisher zur Umsatzgenerierung auf seinen Auftraggeber angewiesen war steht heute ein weltweiter Vertriebskanal für den direkten Verkauf zu Verfügung. Die Option des Internets wird genutzt – während Alibaba gegen Plagiate kämpft, bieten Marktplätze wie Taobao (ebenfalls eine Gründung von Jack Ma) eine schier unermessliche Menge an Fälschungen.Photoshop ist hier der beste Freund des Anbieters, denn die Markenlogos werden für die Artikelfotos meist retuschiert. Manch überraschter Kunde in Europa könnte auf die Idee kommen, eine sterile Uhr zu erwerben. Geliefert wird dann aber dennoch die Rolex, Tissot, Omega oder Breitling – oder eine Michael Kors, Fossil, Casio oder eine DKNY. Und tatsächlich, vor allem bei den als Modemarken bekannten Uhren wird schnell deutlich, das viele Fälschungen sich nicht vom Original unterscheiden und tatsächlich aus einer Fabrik stammen. Nicht nur die Komponenten sind identisch, auch das verwendete Uhrwerk entspricht voll und ganz dem Original.

Produktionsauslagerung als Bumerang

Es scheint, als habe die gewinnorientierte westliche Industrie mit Lizenzen und dem steten Streben nach neuen Produkten über Jahrzehnte als Ausbilder fungiert.

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Zwischen 3,50 und 4,60 Dollar liegen die Kosten für diese OEM-Holzbox. Der Hersteller prägt jeden beliebigen Namen auf die Schachtel – allerdings müssen mindestens 1.000 Stück geordert werden.

Nicht nur technisch haben sich die Unternehmen in Asien entwickelt, auch die Qualitätsstufen haben sich verändert: „Der Anfang war hart. Die Betriebe in China und Hongkong haben lange nicht verstanden, was wir unter Qualität verstehen. Sie haben aber gerne gelernt und können heute, ganz nach Wunsch, jede Qualitätsstufe mit jedem Material schaffen“, sagt ein Insider aus der Uhrenbranche. Er bestätigt auch die Parallelen zur Textilindustrie, wo schon lange auf denselben Maschinen Original und Fälschung produziert werden. „Jeder OEM-Hersteller nutzt hier diese Chance. Oftmals werden Produkte verwendet, die nicht den strikten Vorgaben der Markenlabels entsprechen, aber dennoch für den Kunden keine sichtbaren Fehler enthalten. Statt diese zu vernichten, wird damit der Replika-Markt bedient“, so der Insider. Er selber ist seit mehr als zehn Jahren im Geschäft und lässt Uhren für verschiedenste Großabnehmer wie Warenhäuser und Teleshopping-Sender produzieren. Mit der ausgelagerten Produktion hat sich die Industrie in vielen Bereichen den Wettbewerb herangezogen. Wer früher nur im Auftrag fertigte, überlegt sich heute zweimal, die immensen Margen zumindest teilweise im eigenen Haus zu verdienen. Ein schlechtes Gewissen haben dabei vor allem die chinesischen Hersteller nicht. Fälschen und kopieren gilt hier als Ehrerbietung gegenüber dem Original und nicht als kriminelle Handlung.

Internet-Handelsstrukturen

Während die originalen Hersteller erst langsam den Direktverkauf über das Internet als Chance begreifen, laufen die Geschäfte der Replika-Industrie bereits seit Jahren über das Internet. Ähnlich wie bei den originalen Produkten gibt es auch hier Großhändler, die ihre Waren vertreiben. Am Ende stehen Webshops dem Endkunden zur Verfügung – die Bestellung wird per PayPal oder Überweisung bezahlt – wenn es richtig illegal zugeht, sogar per Bitcoin, der auf Wunsch komplett anonymen Währung. Das durch Waffenkäufe in Verruf geratene Darknet tut sein Übriges. Gilt es als Sammelplatz für alles Illegale, sind natürlich auch Fälschungen dort zu kaufen. Das reicht von der plagiierten Rolex oder Breitling bis hin zum gefälschten Pass für die USA – mit Einreisegarantie.

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Keramik-Lünetten für Rolex-Uhren gibt es im Dutzen billiger….

Regelmäßig werden die Shops geschlossen, auf der Webseite findet sich dann nur noch ein Hinweis auf die Rechtsanwälte, die hier das Recht der Hersteller zu schützen versuchen. In einschlägigen Foren wird dennoch sofort verkündet, unter welcher neuen URL der Shop wieder erreichbar ist. Die Ausfallzeiten sind gering – die Händler haben stets einen Plan B in der Schublade.

Fertigungsmethoden auf höchstem Standard

Dabei haben die Produzenten mittlerweile das Wissen und die Technik auch für komplizierte Werkstoffe. Ob Keramik, Titan oder exotische Materialien wie Bronze oder Tungsten: Die Betriebe haben einen sehr hohen technologischen Standard erreicht. Der Verbraucher hat am Ende das Nachsehen: Er kann nicht mehr unterscheiden, ob er ein echtes oder falsches Produkt erworben hat. Und am wenigsten kann er – nach Jack Ma – bei manchen Produkten verstehen, welches Geschäft nun das bessere war.

1 Comments

  1. Hallo,
    das es diesen Markt gibt, war mir klar, jedoch das Ausmaß und die Rafinesse ist mir neu!
    Toller Artikel!
    vg

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