Markenporträt: Marcello C.

Die MUNICHTIME ist vorbei, und im Nachgang der feinen Fachmesse im Bayerischen Hof möchte ich einige der ausstellenden Unternehmen in einem kleinen Porträt vorstellen. Dazu zählt auch Marcello C. – ein kleiner Hersteller von Schweizer Uhren, der vor allem eines investiert: Liebe.

Wer nach Würselen bei Aachen fährt, wird kaum hinter der geklinkerten Fassade des Stadthauses einen Uhrenhersteller vermuten. Dort residiert, ganz gemütlich, Marcello C.

1993 hat Marcell Kainz begonnen, mechanische Uhren zu bauen und zu verkaufen. Der charismatische Chef und seine Frau bieten seitdem hochwertige Qualität zu bezahlbaren Preisen – heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer die MUNICHTIME besucht hat, kann erahnen, wovon ich spreche: Es ist eine Pracht.

Doch bei vielen Uhren stellt sich die Frage: Wer kauft das alles? Nicht nur wegen des Preises, auch wegen der Funktionen, die heute mannigfaltiger denn je sind. Ein dreifach fliegender Tourbillon mit ewigem Kalender, Chronograph, Anzeige für die relevanten 30 Zeitzonen, Wecker, Repetier-Werk und einer Gezeitenanzeige für die wichtigsten Ozeane der Welt – die Menge an Komplikationen ist immens, das Preisschild auch. Das glauben Sie nicht? Warten Sie ab – 2018 klappt auch das mit der Gezeitenanzeige. Das Segelboot kommt im Paketpreis ab 15 Millionen dazu. Die Frage ist nur noch, welcher Hersteller diesen Traum möglich macht….

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Das Modell Nettuno mit Innenboden gegen magnetische Einflüsse. Gut zu erkennen ist das Elaboré-Werk – hier ist das ETA 2824-2 in hochwertiger Ausstattung mit Schliffen verbaut, wie stets bei Marcello C. ©Marcello C.

Wer eine Marcello C. kauft, will eine Uhr. Und zwar für den primären Einsatzzweck der Zeitanzeige, maximal mit Datum und eventuell mit einer Stoppuhr. Kainz bietet daher Chronographen, funktionale Taucheruhren, und andere mechanische Stücke, die treu und brav den Arm zieren und dem Auge Freude machen. Auch eine „Kainz“ bereichert die Kollektion – eine Uhr reduziert auf den Zweck und daher auch auf den Nachnamen des Gründers. Drei Zeiger und ein Datum im Stahlgehäuse, ein Preis um die 500 Euro am Lederband. Das ist ein fairer Deal, den Marcello C.-Kunden da eingehen können. Die Liebe zeigt sich im Detail: Verfügt die Uhr zwar über einen Boden ohne Sichtfenster, findet man dahinter dennoch ein ETA 2824-2 in der Elaboré-Ausführung. Die ist mehr als dreimal so teuer wie das Basis-2824-2. Nicht wenige Hersteller würden diesen Kompromiss zwischen Qualität und Optik nicht eingehen. Marcell Kainz schon, denn er steht hinter seinen Uhren, die Maximierung des Gewinns auf Kosten der Qualität kommt nicht in Frage. Daher wird auch jedes einzelne Werk vor der Auslieferung sorgfältig reguliert.

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Mit der „Kainz“ nutzt der Inhaber erstmals seinen richtigen Namen auf dem Zifferblatt. Die Uhr ist hochwertig und schlicht – die Details verraten die qualitative Handschrift des Erbauers. ©Marcello C.

Diese Sorgfalt gilt auch für die Werkstatt, selbst Mitarbeiter im offiziellen Ruhestand kommen noch wöchentlich in das helle Atelier mit dem beeindruckenden Maschinenpark. Hier greift auch der Chef persönlich zu und bearbeitet Uhren, die zum Service eingesendet wurden. Dabei reparieren die Uhrmacher auch Modelle anderer Hersteller, um den Kunden einen wirklichen Rundumservice zu geben. Dabei geht es auch gelegentlich kurios zu, so Kainz: „Bei einer immens teuren Uhr ging während der Revision eine winzige Feder verloren. Diese fand sich nach langer Suche in der Augenbraue des Uhrmachers!“ Wer Marcell Kainz kennt, kennt auch Katzen: Die bewachen die Werkstatt und sorgen für tierisches Vergnügen am Arbeitsplatz.

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Der langjährige Werkstattchef Asmus Prager bei der Arbeit. Die Konzentration ist spürbar – selbst im Bild. ©Marcello C.

Nicht nur in und um Aachen gelten seine Uhren als Geheimtipp, selbst Ratsherren aus dem örtlichen Rathaus besitzen Modelle aus dem geklinkerten Haus. Neben Versionen des klassischen Taucheruhrendesigns – der Nettuno – gibt es auch sehr individuell gestaltete Uhren, denen ebenso eine hohe Qualität zu eigen ist. Dazu zählt beispielsweise die Hydrox.

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Völlig eigenständig und schon ein Klassiker: Die Hydrox ist einmalig im Design, von bester Qualität und ein Schwergewicht. Wer sie trägt, hat auch zu tragen – tut das aber mit Vergnügen ob der gebotenen Wertigkeit. ©Marcello C.

Fast drängt sich mir der Eindruck auf, eine Marcello C. ist immer ein bisschen besser als das, was ich möglicherweise erwartet habe. Kein Wunder also auch, das ich zu Beginn meiner Sammelleidenschaft gleich zwei Modelle erwarb, von denen eines noch heute in meiner Sammlung ist. Solche Hersteller braucht der Uhrenmarkt – sind wir doch sonst alle gezwungen, uns die Gezeitenuhr inklusive Yacht an den Arm zu binden….

2 Comments

  1. Ich entschuldige mich hiermit schon vorher für meinen Kommentar. Aber ich würde mich schämen mit einem Rolex-Klon am Arm wie der NETTUNO 3. Ich kann nicht verstehen, dass man Herrn Kainz so huldigt.

    Ansonsten finde ich ihren Blog recht interessant!

    Beste Grüße

    Jens Kirsten

    • Den Unmut verstehe ich nicht – zum einen huldige ich nicht Herrn Kainz, sondern mechanischen Uhren. Und da baut er sehr schöne, mit ausgereifter Qualität. Zudem hat nicht jeder das Geld für eine Submariner, und greift daher zu einer Marcello C., einer Invicta oder einer Steinhart. Das kann ich verstehen.
      Zudem baut Kainz auch Uhren, die so weit weg von einer Rolex sind, wie sie nur sein können: Die Hydrox ist da ein Beispiel, und die KAINZ (die mir aktuell zum Test vorliegt). Zumal auch Rolex das Design nicht erfunden hat – Rolex hat es populär gemacht. Das sind aber zwei Paar Schuhe!

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