Replica-Dealer: Wer handelt mit den Fälschungen?

Branchen-Insider und Händler Ryan gibt Antworten

In der Welt der Replica-Uhren gibt es etliche Anbieter, die wahlweise auf der Straße, an Stränden oder aber im Internet die Ware anbieten. In den Internet-Foren, in denen sich Käufer und Sammler von gefälschten Uhren austauschen, gibt es daher eine Kategorie für „Trusted Dealer“. Bei denen kann man sich sicher sein, das statt einem Paket mit einem Ziegelstein auch tatsächlich eine Uhr ankommt – und im besten Fall sogar eine, die überprüft wurde und gut läuft.

Ryan hat seit Jahren diesen Status, und genießt daher das Vertrauen von zahlreichen Uhrenkäufern rund um den Globus. Allerdings – er muss stets auf der Hut sein, denn jederzeit können die Behörden seinen Handel aus China unterbinden und seine Ware beschlagnahmen. Mit einem dichten Sicherheitsnetz und einem notfalls sehr mobilen Office-Equipment kann Ryan allerdings schnell sein Lokal wechseln.

Neben einem Gespräch geben einige Bilder auch Einblick in das Büro eines Uhrenhändlers, dessen Ware berühmte eidgenössische Namen trägt, ohne je in der Schweiz gewesen zu sein.

Ryan ist gebürtig aus Hongkong, und Ryan ist natürlich nicht der richtige Name. Viele Menschen aus China suchen sich im Laufe der Schulbildung bereits englische Namen, einerseits als Teil der Ausbildung, und zum anderen um Kommunikation mit anderen Nationalitäten zu erleichtern. Im Alter von 25 kam bei ihm das Interesse für noble Uhren auf, allerdings schreckten ihn die Preisschilder in den Boutiquen Hongkongs ab. Und da in China nahezu alles gefälscht wird – und Uhren zu den Klassikern zählen – fand er sich schnell wieder in einem Angebot von unterschiedlichsten Luxusuhren der verschiedenen Qualitätsklassen. Seine erste gefälschte Uhr war eine Rolex Explorer II Ref. 16570 mit schwarzem Zifferblatt.

Schnell bot für Ryan das private Hobby enge Kontakte zu einigen der Hersteller, die geographisch in einer Zone Chinas in nächster Nähe liegen. Die Wirtschaft des Landes ist in Branchen je Region eingeteilt – historisch bedingt – und rund um die Stadt Shenzhen in der Guangdong Provinz sitzt die Uhrenindustrie. Die Hersteller, mit denen Ryan eng arbeitet, sind die Fabriken MK, JF und ZF (siehe auf dieser Artikel). Für Ryan ist bei diesen Fabriken vor allem eine Tatsache vertrauensbildend: Zum Nachbau der Uhren werden die Originale eingekauft, zerlegt und vermessen. Andere Hersteller verlassen sich auf Katalog- und Internetbilder, was schnell zu Abweichungen in den Maßen, Gewichten und Farben führen kann. Vor zehn Jahren schließlich übernahm Ryan die Funktion eines Händlers und genießt seitdem mit seinem Internetshop weltweite Bekanntheit in der Replika-Szene.

Das Office von Ryan mit passenden Werkzeugen. © Ryan

Oftmals war bei den Herstellern der gefälschten Uhren der After-Sales-Service mangelhaft – oder einfach nicht vorhanden. Die drei genannten Fabriken nehmen allerdings auch Wartung und Garantieleistungen an den Uhren vor – bei Kunden aus Übersee ist allerdings stets das Zollrisiko gegeben.

Als Händler steht Ryan auch als Bindeglied zwischen den Herstellern und Kunden – und dementsprechend nimmt er auch Einfluss auf die Herstellung, Qualitätskontrolle und Retourenquote.

„Ich bin ein echter Uhren-Enthusiast. Ich mag es, alle Details der Modelle zu studieren, und ich liebe es, ein eigenes Projekt für eine Frankenwatch zu starten (Frankenwatch: gefälschte und originale Teile werden zu einer sehr authentischen Uhr zusammengebaut. – Red.). Dadurch habe ich auch immer die Position des Uhrenkäufers im Kopf. Als Käufer verstehe ich klar, was der Kunde möchte, wovor er Sorgen hat. Meine Kunden teilen diese Gedanken mit mir. Die größte Sorge ist es, für einige hundert Dollar eine Uhr aus einem fernen Land zu kaufen, ohne das diese je ankommt. Ich bin sehr stolz darauf, das noch keiner meiner Kunden zahlen musste und dann keine Ware erhalten hat. Selbst in den Fällen, wo der Zoll eine Uhr einbehalten oder der Kurier Ware verloren hat, erstatte ich meinen Kunden das Geld oder sende eine Ersatzlieferung. Es ist wichtig, das immer Ware ankommt, wenn jemand bei mir bestellt – egal, ob der Zoll das Problem ist, oder der Kurierdienst.“

Für europäische Länder nutzen die Händler mittlerweile das Triangle Shipping, bei dem die Uhr über ein EU-Land mit geringerer Zollschwelle eingeführt und durch einen Mittelsmann weiterversendet wird.

Die Werkstatt zur Endkontrolle mit der Zeitwaage. © Ryan

Als Bestandteil des Services von Ryan hat er ein Versandsystem entwickelt, das vor allem das Zollrisiko bei amerikanischen Kunden extrem minimiert. Das allerdings bleibt ein Geheimnis des Dealers – der Erfolg liegt aber auf der Hand: Die Statistiken über zollamtlich beschlagnahmte Uhren sind sehr niedrig, das System scheint also sehr effektiv zu sein.

Das Dasein als Händler von gefälschten Luxusuhren kennt allerdings auch Nachteile: Ryan nennt hier vor allem die Probleme mit den Herstellern, was mangelhafte Qualitätskontrolle angeht. Sämtliche Uhren, die auf Lager liegen, werden getestet – und entsprechen dann möglicherweise nicht den Standards, die Ryan für seine Kunden anwendet. In dem Fall muss die Uhr mit dem Hersteller ausgetauscht werden – bis zu mehreren Anläufen, ehe das Modell fehlerlos ist. Das wiederum bedeutet, den Endkunden eine Weile vertrösten zu müssen – und das ist ebenso kritisch, wenn es um die Zufriedenheit geht wie eine fehlerlose Uhr.

Die Uhren zur Endkontrolle – von Rolex bis Omega ist alles dabei. © Ryan

Mit drei Uhrmachern, die für Ryan arbeiten, kann allerdings auch einiges repariert werden. Diese Uhrmacher betreiben eigene Ateliers, stehen also nicht auf Ryans Payroll, wenn er sie nicht braucht. Allerdings werden alle Orders auch von Ryan persönlich überprüft.

Ein wesentliches Problem für die Händler ist die chinesische Regierung, die in den vergangenen Jahren weit aggressiver begonnen hat, gegen die Fälscherindustrie vorzugehen. Sowohl Fabriken wie auch Händler werden dementsprechend überwacht, durchsucht und geschlossen. Laut Ryan nimmt das von Tag zu Tag zu. Für diesen Fall ist die Lagerhaltung klein und verteilt, und mehr als 300 Uhren hat Ryan nicht auf Lager. Zum Vorteil der Händler, die mit höheren Qualitätsstufen und ohne Ladenlokal oder Marktstand arbeiten, beginnt die Polizei normal bei den offensichtlichen Verkäufern auf Märkten, in der Straße oder in Einkaufszentren. Händler mit privateren Büros haben dann im Regelfall ausreichend Zeit, alles zu verpacken und den Ort zu wechseln.

Seit Ryan sein Geschäft betreibt, wurde er noch nie festgenommen, auch keiner seiner Angestellten. Der Druck jedoch steigt, da die Regierung mit wachsender Härte gegen den Markt mit Fälschungen vorgeht. Bisher war es zumindest nicht nötig, die Polizei zu bestechen.

 

(Das Interview fand statt durch die freundlicher Unterstützung des Users atgm aus dem Internet-Forum „Replica Watch Info“.)

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