Tag Heuer Carrera: Staub und Speed

Die Namensfindung war Chefsache damals 1963. Jack Heuer erfuhr von der legendären Rallye Carrera Panamericana – und damit war der Name für den neuen sportlichen Chronographen gefunden: Carrera.

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Die U(h)rversion der Tag Heuer Carrera in den 1960er Jahren. ©Antiquorum

Klar, präzise und eindeutig, für Rennfahrer und Rennsportbegeisterte sollte der Chronograph den Hauch von Geschwindigkeit schon am Arm zeigen. Die Idee hatte Jack W. Heuer während der Entwicklung der Heuer Autavia, die als Sportchronograph nicht Automobilisten, sondern Luftfahrer als Zielgruppe hatte.

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Auch mit zwei Totalisatoren erhältlich – und in 18 Karat Gold. Später erhalten alle Fahrer des Ferrari-Formel 1-Teams eine solche Uhr – mit Gravur der Blutgruppe. ©Antiquorum

Mit ausgezeichneter Ablesbarkeit markiert der Handaufzug-Chronograph eine eindeutige Position im damaligen Sportuhrenfeld zwischen Omega Speedmaster und Rolex Daytona. Das silberne Zifferblatt, ein gewölbtes Plexiglas, ein wasserdichtes Stahlgehäuse, hohe Stoß- und Schlagfestigkeit zeichnen die Uhr aus. Eine Innovation vergrößert die Fläche des Zifferblattes auf besondere Weise: Der innen umlaufende Armierungsring des Glases wird als Teil des Zifferblattes genutzt. Jack Heuer ließ es mit einer Fünftelsekunden-Skala bedrucken, was das Zifferblatt um fast zwei Millimeter vergrößert.

Mitte des Jahres 1964 ist es soweit, und die Heuer Carrera wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Name – übersetzt aus dem Spanischen – steht im Übrigen für Wettkampf auf höchstem Niveau. Kein Wunder, dass auch der Zuffenhausener Autohersteller Porsche in den 70er Jahren diesen Namen für die Sportmodelle wählt!

Früh zeigte sich das Potential der Carrera als eines der Leadermodelle in der Kollektion von Heuer. Erhältlich war die Uhr mit zwei oder drei Hilfszifferblättern, so wahlweise nur mit 30-Minutenzähler, oder auch einem 12-Stundenzähler. Eines ist beiden Versionen gleich: die Ablesbarkeit ist bestens. Ebenfalls Element einer kreativen Modellpolitik sind die Dezimal- oder Tachymeterskalen, die unter anderem die Messung von Geschwindigkeit ermöglichen. Als Antrieb kam bewährtes Material aus dem Vallée de Joux zum Einsatz: Das Valjoux 72 mit drei Totalisatoren oder das Valjoux 92 mit zwei Zählern verbargen sich im Verborgenen hinter dem verschraubten Edelstahlboden und sorgte für präzise Gangwerte auch unter harten Bedingungen.

Für knapp 500 Deutsche Mark reichen Juweliere die Pretiose damals über den Ladentisch – eine gute Wertanlage, wenn man den Gebrauchtuhrenmarkt heute betrachtet. Erste Modelle wie die Referenzen 2447 S mit 12-Stundenzähler, oder in der Version 2447 D mit Dezimalskala, erreichen auf dem Markt heute Preise zwischen 1.500 bis mehr als 3.000 Euro. Nahezu ungetragene Modelle mit Box und Papieren erzielen deutlich höhere Preise, und Versionen mit schwarzem Zifferblatt sind gefragter.

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Die Carrera ist in den 1970er Jahren angekommen – das Design geht mit. Hier mit Tachymeterskala zur Messung der Geschwindigkeit. ©Antiquorum

Die Schlichtheit des Zifferblattes stand der Carrera stets gut zu Gesicht – doch vermissten vor allem die Nicht-Rennfahrer unter den Nutzern manch praktische Zusatzfunktion. Dazu zählte auch die Datumsanzeige, die auch damalige Konkurrenten nicht bieten konnten. 1966 ist das Jahr des Datums – erstmals wird mit der Referenz 3147 ein Sportchronograph mit einer bedruckten Metallscheibe als Datumskranz präsentiert. Als Antrieb kam das ebenso zuverlässige Landeron 189 zum Einsatz. Im Marketing fand die Uhr sofort ein passendes Etikett: „Armbanduhr, Stoppuhr und Kalender in einem“. Das Datum nimmt dabei im Zifferblatt eine besondere Position auf der 12-Uhr-Markierung ein.

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Automatisch, mit dem berühmten Kaliber von Büren – hier die Kal.-Nr. 15. Bemerkenswert ist die Krone auf der linken Gehäuseseite, während die Drücker rechts leicht zu bedienen sind. ©Antiquorum

Auf dem Gebrauchtuhrenmarkt erzielen diese Modelle ob ihrer Seltenheit höhere Preise von mehr als 3.000 Euro. Mit einem dickeren Gehäuse folgte im Jahr 1968 ein Vollkalender – und ein Jahr später der Durchbruch, der einen deutlich größeren Markt adressieren sollte. Mehr und mehr setzten sich Uhren mit Automatik-Werken durch, bei denen ein praktischer Selbstaufzug den täglichen Handaufzug ablöste. Doch die Integration eines Chronographenwerkes mit automatischem Aufzug war eine Herausforderung für die Uhrenindustrie in der Schweiz. „The Heuer chronograph is now automatic“ – 1969 war es soweit. Mit der neuen Kaliberfamilie Büren 11 und 12 hielt der automatische Chronograph Einzug in die Heuer Carrera.

Das Kaliber entsteht im Rahmen eines Konsortiums mehrerer Hersteller, zu denen auch Breitling gehörte. Der Aufzug erfolgt über einen Mikrorotor, der unsichtbar in die Werkstruktur integriert ist. Als Basis dient ein Dreizeiger-Werk, das um 180 Grad gedreht wurde, um ein Chronographenmodul aufnehmen zu können.

Als Besonderheit wurde bei diesen Uhren der Fahrername und dessen Blutgruppe eingraviert – für Jack Heuer bis heute eine Emotion. Das Modell in 18 Karat Gold zählt daher auch zu seinen Lieblingsuhren – neben späteren Modellen und der Re-Edition des Urmodells. 2004 präsentierte TAG Heuer zum 40-jährigen Jubiläum diese Uhr mit der gravierten Unterschrift von Jack Heuer auf dem massivem Boden. Auch in den 90er Jahren nutzte TAG Heuer die Carrera bereits als Re-Edition im klassischen Gewand – 35 Millimeter Durchmesser, Plexiglas und Handaufzug. Ausgerüstet mit dem Lemania 1873 weicht die Uhr zwar mechanisch vom Original ab, erfüllt jedoch voll den Anspruch an eine gelungene Neuauflage. Für 2.990 Deutsche Mark wird die Uhr damals verkauft, heute ist bei Top-Modellen dieser Preis in Euro zu zahlen. Wer länger sucht, wird von privat auch für unter 2.000 Euro fündig.

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Die Re-Edition in den 2000er Jahren bleibt der Urform treu, als Werk kommen zunächst die Valjoux-Traktoren „7750“ zum Einsatz – später das von Seiko adaptierte Manufakturkaliber. ©Antiquorum

Bis heute ist die Carrera sich treu geblieben – auch nach 1985 – mit der Übernahme durch die französische TAG-Gruppe (Techniques d’Avant Garde) und der Umbenennung in TAG Heuer bleibt die Carrera eines der Leadermodelle. TAG Heuer hat sich jedoch bis heute nicht nehmen lassen, einige konstruktive Besonderheiten mit der Carrera auszuleben. Mit dem im Januar 2011 in einer limitierten Auflage von 150 Stück präsentierten Mikrograph 1/100stel Sekunde ist weltweit erstmals die Messung einer hundertstel Sekunde mit einem zentralen Zeiger möglich. Die COSC-chronometerzertifizierte Uhr verfügt über zwei Unruhen – einmal für das Gehwerk mit 28.800 A/h, sowie eine Hochfrequenzunruh für die Stoppuhr mit einer Frequenz von 360.000 A/h.

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Eine besondere Version der Carrera – zu Ehren des Mercedes-Benz 300 SLR Rennwagens. Entgegen der üblichen Serien ist diese Uhr nur mit HEUER gekennzeichnet und freut daher Vintage-Freunde mit modernem Anspruch besonders. ©Antiquorum

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